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26. März 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Dem Traum folgen – Die Krankenpflegerin

Arbeitskraft - Katharina Faber

(Bild: iStock)Zoom

(Bild: iStock)

Sie war zwölf Jahre alt, als sie nach einer zweiten Herzoperationen auf der Intensivstation des Kinderspitals erwachte. Sie sah die hellen Silhouetten der Pflegenden zwischen den Betten hin und her gehen, und sie beschloss in diesem Augenblick, dereinst das Gleiche zu tun wie diese Frauen und Männer, auch einmal so gelassen und freundlich kranke Kinder zu pflegen, über sie zu wachen, sie zu trösten, am Leben zu halten.

Jetzt ist sie 22 Jahre alt und steht jeden Morgen um viertel vor fünf Uhr auf, um pünktlich zum Dienst in der ersten Schicht um sieben Uhr zwanzig auf der Station zu sein. In einem Jahr ist sie ausgebildete Fachangestellte Gesundheit, dann kann sie sich weiterbilden zur Diplomierten Pflegerin.

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Sie pflegt alte Männer und Frauen, die, wie sie betont, nicht krank sind, aber sehr müde, sehr schwach, und die keiner Genesung entgegengehen, sondern dem Tod. Diesem Bus, wie eine Frau augenzwinkernd sagte, der sie abholen werde, wenn ihr ersehnter Fensterplatz frei geworden sei . . . Irgendwann stand diese Frau dann mitten in der Nacht auf und fing an sich zu schminken für die Fahrt ins Finale grande.

Sie mag alte Menschen, sie empfindet sie als freier und offener als die Jüngeren, als ehrlicher. Die Nähe des Abschieds gibt den letzten Jahren einen Hauch abenteuerlicher Ausgesetztheit, und bei vielen erwacht erst dann, was ein Leben lang verborgen blieb: Spontaneität und souveräne Einfühlung in andere.

In der Berufsschule bringt man ihr bei, nicht aufzugeben und auch dem Müdesten noch Hilfe anzubieten, ihn zu unterstützen, ohne ihn zu bevormunden, und auf der Abteilung lernt sie, wie diffizil das sein kann: Die hundert Jahre alte Lady fürchtet, das Frühstück sei vergiftet, rollt aber bald wieder froh durch die Gänge, und die achtzigjährige Weltreisende möchte im Bett bleiben. Dann laviert sie behutsam zwischen den Losungen hin und her: nicht bevormunden – nicht aufgeben, und gibt nach, wenn es Zeit dafür ist. Sie versucht mit aller Kraft, diesen Moment zu erkennen. Und bringt dabei viel mit auf diese Station, die Erinnerungen an jene Tage, wo sie selbst vor Schwäche nicht gehen konnte, auch die Scham des Kranken bei der Arztvisite, wo über ihn hinweg verhandelt wird. Und sie fühlt sich im Ganzen reich beschenkt: Sogar die ungebärdigsten Bewohner, die ihr oft die Liebsten sind, rufen nach ihr, auch die scheinbar Erstarrten merken, wenn es ihr mal nicht gutgeht, und einige haben schon geduldig gewartet, bis sie wieder Dienst hatte, um sie noch einmal zu sehen, bevor sie starben, vor den Fenstern der Bus mit laufendem Motor . . .

Wenn sie abends nach Hause kommt, ist es sechs Uhr, dann duscht sie, zieht sich um, isst etwas Kleines, schaut vielleicht noch einen Film und geht um acht Uhr ins Bett, immer seltener in den Ausgang, in ihrer Klasse haben alle ihre Hobbys von früher aufgegeben, niemand treibt mehr Sport. Arbeiten, essen, schlafen. Harte Engführung des Lebens, um dem Traum zu folgen.


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