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14. August 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Die Arbeit der andern

Arbeitskraft - Katharina Faber

Arbeitskraft - Katharina Faber Zoom

Arbeitskraft - Katharina Faber

Als sie noch stark war, jung und gesund und von unversiegbaren Kräften durchströmt, die sie meist in die falsche Richtung lenkte, fühlte sie sich von jeder Art von Wildnis angezogen, die sich inmitten schnöder Ordnung behauptete: von überwucherten Gärten, von in stiller Würde zerfallenden Häusern, es zog sie dahin, wo die Wirkung der Zeit mit stiller Wucht die Spuren menschlicher Arbeit tilgte.

Und jetzt gleitet sie sanft im Auto durch die Landschaft, mit zurückgeklappter Rückenlehne, beinahe liegend, sehr darauf bedacht, keine falsche Bewegung zu machen. Kraftlos und erleichtert sieht sie jetzt mit einem Mal an jeder vorüberflirrenden Hecke den sorgsamen Schnitt, und bei jeder Tankstelle registriert sie die Beharrlichkeit, mit der junge Bäume und Stauden gepflanzt und gepflegt und geschützt werden.

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In den Raststätten staunt sie, wie verbissen die Toiletten sauber gehalten werden. Lange Listen mit unlesbaren Namen zeugen von stündlichen Einsätzen – wie unbeirrt da gegen die Verwahrlosung durch Anonymität gekämpft wird und wie dürftig das Ergebnis bleibt. Während vor den Glastüren kleine Tische und Sonnenschirme so etwas wie eine farbige, einladende Atmosphäre herzaubern sollen. Sie sieht verwundert, wie ungerührt die von ihren Mahlzeiten und Ausflügen gereizten und erschöpften Gäste diese Tische bekleckern, die eine ebenso erschöpfte magere Frau im Laufschritt immer wieder hastig säubert, die aber eigentlich Getränke an die Schlange von Wartenden verkaufen sollte. Sie rennt und putzt, während die Lastwagen vorüberdonnern und Schwaden von Benzin über den sorgsam angelegten Beeten niedergehen. Die wenigen bleichen Angestellten in ihren frohen Uniformen kämpfen gegen eine anbrandende Flut von gehetzten Gästen, von Dreck und Flüchen, von Kindern, die arglos ganze Stapel von Süssigkeiten zum Einsturz bringen. Und irgendwie bringen sie es am Ende so weit, dass die Raststätte funktioniert.

Überall auch am späten Abend: Arbeit um die Häuser – über manches hätte sie früher die Nase gerümpft, wie alle Verwöhnten, die Verwahrlosung für einen Vorschein von Freiheit und Weite nehmen. Inzwischen weiss sie, wie viel es kostet, jene traumselige und unangestrengt wirkende Mischung aus Verwilderung und Ordnung in einen Garten zu bringen, und dass die spröde Aufgeräumtheit da und dort nichts anderes ist als der Versuch, es sich leichter zu machen. Und während sie durchs Weinland gefahren wird, durch das Allgäu und Bayern, durch weite Landschaften und kleine Städte und Dörfer, scheint ihr, als gehe ein Strom von Arbeit durch alles, was sie sieht, als sei jeder Winkel getränkt von Anstrengung: die Felder, ihre Kleidung, das Auto, die Taschen, die Koffer . . .

Und sie fragt sich, wie schwach sie werden musste, um zu sehen, wie dieser Strom von Arbeit uns trägt, weiterträgt, uns gelegentlich aus unserer Absonderung zurückholt in eine Welt, die andere uns bereiten.


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