31. Juli 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Surrealismus der Gegenwart
Arbeitskraft - Pedro Lenz
Der Wärter im Dalí-Museum im katalanischen Städtchen Figueres hat grosse, wache Augen. Wenn er spricht, tut er dies in einer Geschwindigkeit, die darauf schliessen lässt, dass er seinen Monolog längst einstudiert hat: «Wissen Sie, was Surrealismus ist? Salvador Dalí hat den Surrealismus nie aufgegeben. Selbst als es die Bewegung des Surrealismus längst nicht mehr gab, ist er ein Surrealist geblieben. Ob mir seine Kunst gefällt, muss ich mich nach all den Jahren nicht mehr fragen. Ich muss nur hier im Museum sein und schauen, dass die Besucher nichts berühren und nichts beschmutzen. Meine Aufgabe ist leicht. Die vielen Leute, die täglich durch das Museum eilen, berühren nichts. Sie fotografieren nur. Sie halten ihre kleinen Geräte in der Hand und fotografieren jedes Bild und jede Skulptur. Schauen Sie selbst, ein Schritt, ein Klick, ein Schritt, ein Klick und so immer weiter, den ganzen Korridor entlang. Dann gehen sie in die oberen Säle, und dort geht es genau gleich weiter. Ein Schritt, ein Klick, ein Schritt, ein Klick. Dieses entschiedene Nichthinschauen, dieses absolute Nichtvertrauen auf die unmittelbare Wahrnehmung, das Ablehnen der direkt sichtbaren Realität, hat das nicht auch etwas Surrealistisches?»
Der Museumswärter gehört zu den Menschen, die nur nach innen lachen und dabei ein ernstes Gesicht wahren. Trotzdem spürt man die Lust, mit der er seine Theorie ausbreitet: «Früher wurde hier völlig anders geschaut. Da kamen die Menschen und hielten Kataloge in der Hand. Dann schauten sie, ob sie die aufgehängten Bilder im Katalog finden, und verglichen ihr mitgebrachtes Wissen mit dem, was sie hier sahen. Hin und wieder wurde ich nach einer Jahreszahl oder nach einem Titel gefragt. Jetzt fragen sie mich höchstens noch nach dem Weg zur Toilette.»
«Seit jede und jeder einen kleinen Fotoapparat mit sich herumträgt, werde ich nicht mehr wahrgenommen, weil ich kein Fotosujet bin. Achten Sie zum Beispiel auf die Dame im grünen Kleid. Haben Sie gesehen, mit welcher Konsequenz sie die Bilder nicht direkt anschaut? Sie glaubt nicht an das, was sie sehen könnte. Sie fotografiert und schaut dann ins Display ihres Geräts. Erst wenn das Bild im Display erscheint, wird es für sie sichtbar. So wie sie machen es fast alle hier. Zu Hause könnten sie dann den ganzen Museumsbesuch mithilfe der gesammelten Bilder noch einmal durchgehen. Aber ich nehme nicht an, dass sie es tun. Es genügt ihnen, zu wissen, dass sie alles aufgezeichnet haben. Der Museumsbesuch ist für alle Zeiten greif- und beweisbar. Mehr wollen sie nicht.»
Wir fragen den Museumswärter, ob ihn die Entwicklung betrübt. «Anfangs hatte ich Mühe damit», sagt er, «inzwischen habe ich mich dran gewöhnt. Ich denke an Dalí und stelle mir vor, wie er vom Himmel aus all die knipsenden Bilderjäger sieht und voller Mitleid die Augenbrauen hebt.» Der Museumswärter hebt zur Illustration eine seiner buschigen Brauen. Es hätte eine lustige Foto gegeben.
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