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7. Mai 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Den eigenen Raum schaffen

Arbeitskraft - Pedro Lenz

Arbeitskraft - Den eigenen  Raum schaffen (Bild: iStock)Zoom

Arbeitskraft - Den eigenen Raum schaffen (Bild: iStock)

An einem Sonntag in einem menschenleeren Grossraumbüro, wenn zehn oder zwanzig Pulte verwaist sind, scheint jeder Arbeitsplatz dem andern zu gleichen. Rund um die Computer stehen und liegen persönliche Gegenstände, die mit der eigentlichen Büroarbeit in keinem direkten Zusammenhang stehen. Dabei drängt sich zunächst die Frage auf, weswegen so viele Menschen, die in Grossraumbüros ihrer Tätigkeit nachgehen, eigenartige Bilder, Plüschtierchen, unbeholfene Collagen, Modellautos, Plasticfigürchen oder Kakteen um ihre Arbeitsfläche gruppieren. Wollen diese Büroleute durch das Zusammentragen privater Kleingegenstände einen persönlichen Akzent setzen? Glauben sie vielleicht, wenn ihr Schreibtisch einem Souvenirkiosk gleiche, gehe die Arbeit leichter von der Hand? Oder müssten wir die Frage allenfalls umkehren und vermuten, dass all die vielen Souvenirkioske, die es an den Ferienorten dieser Welt gibt, vor allem dazu dienen, Büroarbeitsplätze auszustatten?

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Eine kleine, zufällige und keinesfalls vollständige Aufzählung von Bürotischnippes in einem Grossraumbüro im Mittelland präsentiert sich wie folgt: 2 Glas-Schneekugeln, die schneien, wenn sie geschüttelt werden, eine davon aus Paris und eine aus Interlaken, 5 Kunststoff-Schlümpfe in Gartenkleidung, 1 Matchbox-Modellauto rot, 1 geschnitzter Holzteller mit der Aufschrift «Istanbul», 1 Zierteller mit der Aufschrift «Deutsches Museum München», 2 ungebrauchte Aschenbecher aus Ton, 1 selbst stehender Plexiglas-Fotorahmen für drei Bilder, 3 Fotorahmen für je ein Bild, eine kleine Musikspieldose aus Salzburg, eine von Kinderhand gebastelte Schachtel mit der Aufschrift «Götti Heinz», 4 Kakteen, 5 sonstige Pflanzen, 1 Braunbär aus Wolle, 1 Miniaturkopie des Eiffelturms, 1 bunt bemalter Stern aus Wäscheklammern, 3 Briefbeschwerer aus Glas, 1 Briefbeschwerer aus Metall, 1 Sträusschen mit bunten Plasticblumen, 1 Biene aus Holz, 1 kleines Aluminiumflugzeug auf einem Ständer, 1 Drahtvelo im Taschenformat.

Niemand wird nun behaupten wollen, es sei unschicklich oder störend, den eigenen Arbeitsplatz durch das Aufstellen von Kleinigkeiten individuell zu gestalten. Aber wo steht geschrieben, dass die besagten Kleinigkeiten in ihrer Mehrzahl banal und unästhetisch zu sein haben? Möglicherweise ist es menschlich, den Raum, in dem man den ganzen Tag arbeitet, mit nutzlosem Tand zu füllen, in der Hoffnung, er werde dadurch heimeliger. Dennoch bleibt unklar, nach welchen Kriterien solche Kleingegenstände ausgewählt werden. Die Vermutung liegt nahe, bei den zahllosen Büroverschönerungsobjekten im Land handle es sich zu einem grossen Teil um Ware, die zu hässlich ist, um zu Hause herumzustehen – und doch zu bedeutungsaufgeladen, um bedenkenlos entsorgt zu werden.

Oder anders gesagt, wer seinen Arbeitsplatz mit hässlichen Dingen vollstellt, kann dadurch immerhin sicherstellen, dass wenigstens die Wohnung schön bleibt.


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