17. Juli 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Arbeit der Sprache – Zähmung der Gefühle
Arbeitskraft - Katharina Faber
Die Kolumnistin liegt wie ein gefällter Baum auf dem Sofa, ihre Arbeitskraft liegt auch darnieder. Sie muss jetzt «Genesungsarbeit» leisten, darf die «Wundheilungsarbeit» nicht stören, muss sich also stillhalten, was bekanntlich anstrengender ist als jede wirkliche Anstrengung.
Wie zähmen wir die Impulse, die Gefühle? Durch die Sprache. Mit der Wahl der Worte entwerfen wir das Bild, das wir von uns haben. Indem wir beispielsweise «arbeiten», uns anstrengen, werden wir zu Subjekten unserer Existenz. Bleiben nicht die Opfer eines launischen Schicksals oder erbarmungsloser Götter. So lebensfreundlich diese Vorstellung sein mag, so befreiend als Entwurf, so schnell entgleist sie.
«Arbeit» ist ja ein Begriff aus der Physik, definiert als Kraft mal Weg, ihre Einheit ist Joule. Und wir zeigen mit dem inflationären Gebrauch dieses mechanischen Begriffs der «Arbeit», dass wir die Abgründe unserer Existenz, alle Qual und allen Glanz beherrschen, «im Griff haben».
Ein Musikkritiker schreibt hell begeistert, der Sänger XY habe in seiner Musik den Tod seiner Liebsten «verarbeitet», und fällt nach diesem Satz nicht einmal bewusstlos vom Stuhl – wieso sollte er auch? So reden wir, so sehen wir die Welt, so leben wir.
Das fassungslose Paar, das nicht begreifen kann, wie aus den Räuschen vergangener Tage und Nächte so eine Wüste zwischen ihnen wachsen konnte, soll sich nicht seinen Gefühlen überlassen, soll nicht klagen, nein: Dieses Paar muss dringend «Beziehungsarbeit» leisten, also aus der Ernüchterung mittels Sprache einen kleinen Familiengarten wachsen lassen, den man getrost weiter bewirtschaften kann – man giesst ja immer wieder neue Dialoge nach – oder auch auflösen nach Belieben.
Als sie noch ein Liebespaar waren, hätte niemand, ohne zu lachen, «Liebesarbeit» von ihnen verlangt. Aber in den kühlen Regionen unseres Sprachgebrauchs müssen sie sich anstrengen mit ihrer Beziehung, die keine Liebe mehr ist, und dabei berechnen, ob die «investierte» Zeit sich auch lohnt.
Der von Ohnmacht und Verzweiflung überwältigte Trauernde mag sich die Haare raufen, die Kleider zerreissen, weinen, toben – es wird ihm dies durchaus als Teil seiner geleisteten «Trauerarbeit» angerechnet, die den Rohstoff der Gefühle in einen dynamischen Prozess der Heilung überführen will.
Wir sind fleissig geworden und emsig und nicht mehr hysterisch, nicht mehr aufgelöst. Wir sind vernünftig. Manchmal auch depressiv, grau und kalt wie unsere Sprache, die nichts wissen will von einer «Genesung», die ein Geschenk wäre und kein Verdienst. Am Ende lähmt uns die sprachlich inszenierte Zähmung der Gefühle mehr als alle Ergebenheit, gegen die sie sich einst gerichtet hat.
Und wir bleiben getrennt von den Tröstungen eines Sprachgebrauchs, einer Weitung der Sicht, die dem Leben, der Liebe und dem Verlust nicht angestrengt mit Begriffen aus der Mechanik zu Leibe rückte. – Daran müssten wir vielleicht einmal arbeiten?
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