27. Februar 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Das Büro zur Heimat
Arbeitskraft - Katharina Faber
Man kann ihn von der Strasse aus durch die grossen Fenster vor seinem Bildschirm arbeiten sehen und beinahe den ganzen Laden überblicken: Alles ist offen, hell, aufgeräumt. Als er vor über zwanzig Jahren in die Schweiz kam, hat er geputzt, gegärtnert, in Restaurants gesungen, in Bars Drinks gemischt, später Konzerte veranstaltet, jetzt sitzt er hier, in seinem kleinen Büro, das sich an den Hauptraum mit den zwei Tischen der Reiseagentur anschliesst, und versucht konzentriert und bedächtig, zwischen ununterbrochen klingelnden Telefonen und zugerufenen Fragen und den diskreten Begrüssungswinkereien der Leute, seine Überweisung einzutippen und abzulegen. Der Mann, der ihm mit schweren Schuhen gegenübersitzt, kommt direkt von der Arbeit, er vertraut ihm sein hart verdientes Geld an. Ihm liegt viel an diesem Vertrauen, sein Handy sirrt, er tippt weiter.
Im vorderen Raum sitzt die junge Angestellte vor dem Computer und weiss nicht, ob es noch möglich ist, den Flug ein weiteres Mal umzubuchen; die Kundin ihr gegenüber ist so blass und so bedrückt, dass es schwer sein muss, ihr etwas abzuschlagen. Hier versteht man, wenn das Leben nicht ruhig und voraussehbar dahinfliesst, wenn der Flug nach Hause immer wieder aufgeschoben und das Nachhause allmählich zum verklärten, ersehnten Phantom wird, wenn einmal das Geld fehlt und ein andermal die Zeit.
Sein Sohn sitzt am andern Pult und brütet über einer Buchungsliste, er hätte ein paar Fragen, aber es ist aussichtslos: Eine zweite Kundin will auch Geld überweisen und setzt sich still auf den eben frei gewordenen Platz, das Handy sirrt, ein übermütiger junger Mann geht ohne Umschweife in den Raum mit den CD und den Filmen, sucht lange und hätte auch eine Frage, und dann kommt strahlend ein alter Freund mit seinem mageren scheuen blinden Sohn, der zum ersten Mal in den Ferien bei ihm ist, er stellt ihn allen vor, geht dann nach hinten, und sie unterhalten sich leise. Hier hätte der Jugendliche die Chance, etwas zu lernen, eine Arbeit zu finden, während es in der Heimat schwierig sein wird, unmöglich vielleicht, auch jetzt noch, wo die Wirtschaft sich erholt, das Telefon klingelt, das Handy sirrt, an den hellen Wänden die Ordner, säuberlich angeschrieben, das Geldwäscherei-Gesetz verlangt diese Ordnung, und er ist einverstanden mit ihr. Er bewundert ausdrücklich die Organisation dieses Landes, die das Leben der Leute erleichtert, ihnen Recht und Würde gibt, ihre Arbeit respektiert.
Der Kern seiner Existenz ist diese Arbeit hier, von früh bis spät, auch samstags, ist die mühsam aufrechterhaltene, hart erkämpfte Selbständigkeit in seinem Büro, das Reisen verkauft und Geld überweist und Filme vermietet, eine Insel im Strom der Fremde, und in das Klingeln der Türe, in die Stimmen, das Gelächter mischt sich immer Musik. Die Lieder sind das Herz seines Landes, seines Lebens; wenn er sie dann und wann leise und behutsam anstimmt, geht ein Lächeln über sein müdes Gesicht.
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