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18. Juni 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Der Verkäufer – pures Sein und Herzblut

Arbeitskraft - Katharina Faber

Arbeitskraft - Der Verkäufer - pures Sein und Herzblut Zoom

Arbeitskraft - Der Verkäufer - pures Sein und Herzblut

Die Passioniertesten in allen Gewerben erkennt man oft an ihrer Neigung, die Dogmatik ihres Metiers zu ignorieren, so etwa die begnadeten Verkäufer, wenn sie den Verkauf stören und flugs das eine oder andere zusammengetragene Stück vom Stapel nehmen, ersatzlos, weil sie erkannt haben, dass der verdutzte Kunde das Zeug nicht braucht. Eine kühne Geste, mit der sie das Vertrauen eines neuen Kunden gewinnen, der sich für Sekunden eins mit einer Welt fühlt, die ihn nicht als «Konsumentenvieh» betrachtet und also melken will, sondern den Einzelnen in ihm sieht und sein künftiges Eigentum erkennt.

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Die begnadetsten Verkäufer sehen auch nicht unbedingt aus wie Verkäufer. Sie könnten, das liegt in ihrer Natur, auch Schauspieler sein, oder etwas ganz anderes, ihr äusseres Erscheinungsbild passt sich gerade so weit dem gängigen an, dass es noch durchgeht. So auch ihre Sprache, die sich weit über das trainierte Verkaufsgespräch hinaufschwingt und ohne Rücksicht auf Gemeinplätze die Konturen eines echten Gesprächs simuliert.

Er nickt, lächelt, er ist müde. Er hat es nach der Lehre sehr schnell sehr weit gebracht, Filialleiter, jetzt allmählicher Wechsel zum Marketing, nur noch ein kleiner Teil seiner Arbeitszeit geht in den Verkauf, und manchmal zieht es ihn förmlich hinaus aus dem Büro, hin zu den Leuten, die doch sonst nicht finden werden, was sie brauchen – manchmal auch schüchterne Prominenz, die ratlos, aber von stiller Kaufgier getrieben im Laden steht – und keiner rührt sich, alle sind gelähmt von der Erscheinung – dann blutet sein Verkäuferherz, wie damals, als Pink um ein Haar nichts gekauft hätte, obwohl ihr Blick starr auf einem Paar Schuhe ruhte, mit dem sie bald fröhlich abzog.

Er glaubt, dass es künftig keine gelernten Verkäufer mehr geben wird, nur noch Lifestyle-geschulte Ignoranten. Da sind die Sattheit der Märkte und ein immer bedrückenderer Mangel: Arbeitszeiten von neun Uhr bis acht Uhr abends, auch am Samstag, keine Weekends, dreizehn Stunden ausser Haus für einen Lohn, der kaum zum Leben reicht. «Wer gehen kann, der geht.» Er auch, obwohl er ein Verkäuferherz hat – und eine «Scheissfreude», wenn ihm wieder einmal gelungen ist, was seit je ein gutes Geschäft ausmacht, und also beide Seiten auf ihre Kosten gekommen sind. Verkauf war eine «Lebensschule», wo man lernte, innert Sekunden mit Fremden zurechtzukommen. Dazu hat er in all diesen Jahren ja auch erlebt, wie die Absonderung durch diese Arbeit ihm die Freiheit gab, mit seinen Freunden ein Leben abseits der Konformität zu führen, ein Leben im Schnee, weit entfernt vom Druck, immer schneller und immer besser – ja was denn eigentlich zu tun, was zu sein? In all diesen harten Jahren hat er sich die Sehnsucht nach der Essenz des Lebens bewahrt, nach purem Sein, nach langen ruhigen Stunden irgendwo und Blicken in ein weites Land.

Die besten Verkäufer denken manchmal ganz anders, als wir glauben . . .


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