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6. März 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Eine Frohnatur in der Schattenwirtschaft

Arbeiten in Mexiko

Arbeiten in Mexiko (Bild: iStock)Zoom

Arbeiten in Mexiko (Bild: iStock)

Alex Gertschen, Korrespondent der NZZ in Mexiko-Stadt

Ricardo singt und pfeift oft vor sich hin, und wenn der Gärtner oder der Chauffeur bei ihm Platz nehmen, ist das Gelächter stets von weitem vernehmbar. Seit fast 15 Jahren arbeitet er bei der Familie Reyes im Süden von Mexiko-Stadt als Türwächter. Darüber hinaus putzt er die Autos und den Pool, serviert er das Essen und erledigt er sonst alle möglichen Aufgaben, die im Hause anfallen. Wenn die Señores auf Reisen sind, lebt er mit der Köchin alleine auf dem Anwesen.

Der 58-Jährige ist einer von mehreren Millionen Hausangestellten in Mexiko. Wer der Ober- und der oberen Mittelschicht angehört, kann sich solche Dienste leisten. Die enormen Einkommensunterschiede machen es möglich. Die genauen Ausmasse liegen im Dunkeln, weil die allermeisten Arbeitsverhältnisse informell sind. Ricardo hat weder einen Arbeitsvertrag noch eine Sozialversicherung. Aber er weiss, dass er neben Kost und Logis jede Woche seine 1200 Pesos erhält. Und muss er sich wie letztes Jahr einer Operation unterziehen, dann kommt für die Kosten der Señor auf.

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Vertrauen und Informalität bedingen sich gegenseitig. Weil keine formellen Rechte und Pflichten bestehen und einklagbar sind, muss man sich vertrauen. Und weil man sich vertraut, leben beide Parteien gut damit, vom Fiskus verschont zu bleiben. Wie Ricardo sind viele Hausangestellte des Lesens und Schreibens unkundig und deshalb Verträgen gegenüber misstrauisch. Zudem wissen sie, dass sie in einem Streit mit dem Patron, der stets reicher, gebildeter und mit besseren Beziehungen ausgestattet ist, ohnehin den Kürzeren ziehen würden. Ihr Vertrauen ist auch notgedrungen.

Die Unterlegenheit des Angestellten begründet sich auch durch seine einfachen Tätigkeiten. Es findet sich immer jemand, der diese ausführen kann. Doch verschiebt sich im Laufe der Zeit die Abhängigkeit. Die Reyes wissen, wie schwierig es sein wird, Ricardo zu ersetzen, wenn er dereinst in sein Heimatdorf zurückkehren wird. Jahre werden verfliessen, bis sie einem Angestellten derart werden vertrauen können. Auch wenn er die Señores siezt und sie ihn selbstverständlich duzen, bringen sie ihm einigen Respekt entgegen, erweisen sie ihm ab und zu mit der Anrede «Don Ricardo» die Ehre.

Ricardos Arbeitsleben ist im Vergleich zu jenem der meisten Hausangestellten angenehm, aber nicht frei von Kummer und Schatten. Seit 1991 lebt er von seiner Familie getrennt. Nur einmal im Jahr sieht er sie, während der dreiwöchigen Ferien. Die Reise ins Dorf dauert neun beschwerliche Stunden. Ricardo hat früher an den Wochenenden oft über den Durst getrunken. Einige Male musste ihn der Señor in einem Lokal oder auf dem Polizeiposten holen gehen. Seit einigen Jahren rührt Ricardo deshalb keinen Alkohol mehr an und bleibt sonntags im Haus. Das bedeutet zusätzliche Arbeit, aber auch die Festmahlzeit und Gesellschaft im Kreise der Familie, die ein wenig die seine geworden ist.


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