6. Februar 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Dienstmädchen in der Grauzone
Arbeiten in Libanon
Jürg Bischoff, Korrespondent der NZZ in Beirut
Mary war 21 Jahre alt, als sie vor fast fünf Jahren aus den Philippinen nach Libanon kam, um als Hausangestellte zu arbeiten. Sie hatte die Stelle über eine Agentur erhalten, die den Preis für das Flugticket vorschoss, den sie mit ihren ersten drei Monatslöhnen rückerstattete. Nach fünf Monaten wollte ihr libanesischer Arbeitgeber sie in die Heimat zurückschicken, weil sie ohne Erlaubnis das Haus verlassen hatte. Die Agentur vermittelte ihr eine andere Stelle, bei der sie anderthalb Jahre blieb und dann davonlief, weil sie fast keine Freizeit erhielt.
Praktisch rechtlos
Mary ist eine von rund 200 000 Frauen aus asiatischen und afrikanischen Ländern, die in Libanon als Dienstmädchen arbeiten, um ihre Familien zu Hause mit Geld zu unterstützen. «In den Philippinen verdiene ich höchstens 100 Dollar im Monat», sagt Ann, «hier sind es über 400 Dollar.» Dafür nehmen die Ausländerinnen in Kauf, dass sie praktisch rechtlos sind. Den Pass hält der Arbeitgeber unter Verschluss, und sobald sie die Stelle aufgeben, halten sie sich illegal im Land auf.
Gründe, von der Arbeit fortzulaufen, gibt es viele, wie Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen zeigen. Da ist die Herrschaft, die den Lohn nicht bezahlt, da die Madame, die ihr Dienstmädchen schlägt. Viele müssen fast Tag und Nacht arbeiten, andere werden vom Hausherrn sexuell bedrängt. Gehen die Frauen zur Polizei, glaubt diese in der Regel dem einheimischen Angeschuldigten, nicht der ausländischen Klägerin. Und lässt die freche Ausländerin nicht locker, drohen ihr Haft und Ausschaffung. Kein Wunder, nimmt sich immer wieder eine verzweifelte Hausangestellte das Leben.
Ann hat zwar keine Arbeitserlaubnis mehr, aber sie verdient weiterhin Geld. Davon schickt sie so viel nach Hause, wie ihre Mutter braucht, um die neunköpfige Familie durchzubringen. Sie wohnt mit drei Kolleginnen in einer Zweizimmerwohnung und hat einige feste Kunden, denen sie zweimal die Woche die Wohnung putzt. Sie arbeitete auch schon drei Monate als Rezeptionistin und kann immer wieder einmal als Babysitterin einspringen. «Das gefällt mir besser als eine feste Stelle», sagt sie, «ich habe mehr Zeit für mich, und wenn mich eine Madame schlecht behandelt, geh ich nicht mehr hin.»
2500 Dollar für einen Pass
Ann hat sich in dieser Grauzone ganz gut eingerichtet. Ihr grösster Wunsch wäre es, nach fünf Jahren Trennung wieder einmal ihre Familie zu sehen. Dafür braucht sie aber einen Pass. «Ich habe die Agentur gefragt, die mir die erste Stelle vermittelte. Sie sagen, für 2500 Dollar könnten sie mir einen neuen Pass samt libanesischem Visum geben. Aber so viel Geld habe ich nicht.» Für Ann ist es aber klar, dass sie nur zu einem Besuch heimreisen will. Nachher würde sie wieder nach Libanon kommen, denn hier, sagt sie, lohne es sich zu arbeiten.
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