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16. April 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Das verordnete Bruttosozialglück

Arbeiten in Bhutan

Arbeiten in Bhutan (Bild: iStock)Zoom

Arbeiten in Bhutan (Bild: iStock)

Bernard Imhasly, ehemaliger Indienkorrespondent der NZZ in Delhi

«Glück» als Ziel gesellschaftlichen Handelns kommt immer mehr in Mode. In den letzten Monaten haben sich gleich zwei Staaten, Grossbritannien und China, dieses schöne Gefühl an die Fahne geheftet. Während der britische Premier David Cameron noch vorsichtig Für und Wider abwog, erklärte der chinesische Volkskongress das «Glück» kurzerhand zum Planziel. Die fehlende freie Meinungsäusserung war keiner Erwähnung wert, ein Zeichen, dass der Begriff ein Mittel politischer Schaumschlägerei werden kann, der in Orwellscher Manier das Gegenteil des Gesagten meint.

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Es mag daher nützlich sein, sich aus Anlass eines kurzen Besuchs in Bhutan umzusehen, das als Erstes mit dem Begriff des «Bruttosozialglücks» die Dominanz wirtschaftlicher Kennzahlen – das Bruttosozialprodukt – als Massstab für Wohlstand herausforderte. Im Jahr 2008 wurde in der Verfassung «Gross National Happiness» (GNH) als nationales Ziel festgeschrieben. Der Begriff erntete Aufmerksamkeit: Wie kann, so der Tenor, eine so subjektive und unmessbare Grösse wie Glück die Messlatte für staatliches Handeln hergeben?

Das Himalaja-Königreich geht allerdings umsichtiger vor als der grosse Bruder im Norden, indem es den Begriff mit zahlreichen messbaren Indikatoren operationalisiert. Auch die vier gleich starken Eckpfeiler von GNH sind keineswegs vage: gute Regierungsführung, wirtschaftliche Entwicklung, Stärkung der kulturellen Identität, gesunde Umwelt. Und es wird anerkannt, dass GNH letztlich ein subjektives Gefühl ist und sich der Dekretierung entzieht.

Heute lassen sich erste Fortschritte sehen. Bhutan geniesst den Ruf, eines der am wenigsten korrupten armen Länder zu sein; es hat das Bruttosozialprodukt von 1200 Dollar pro Kopf auf geschätzte 1500 Dollar erhöht; die schulische Abdeckung erreicht nahezu 90 Prozent der Dörfer; und wie kein zweites Land der Welt pflegt Bhutan seine natürlichen Ressourcen. Dennoch lässt sich ein negativer Trend nicht übersehen. Der Staat geizt nicht mit Regulierungen, um die Ziele zu erreichen.

Auch das unternehmerische Handeln ist eingeschränkt. Denn dessen Eigenschaften – Aggressivität, Eigennutz, Profitstreben, Konkurrenzkampf – werden mit scheelen Augen angesehen. Daher ist es für Unternehmer schwierig, sich in Bhutan zu etablieren. Auslandsinvestitionen werden offiziell begrüsst, in der Realität sind sie ein Hindernisrennen, und der Staat reserviert sich in jedem Joint Venture mindestens eine Sperrminorität. Das Resultat: Die modernen Wirtschaftssektoren sind zu 90 Prozent staatlich beherrscht.

Es zeichnet sich auch zunehmend ein Zielkonflikt ab. Als gut geführter Staat – Glückspfeiler Nr. 1 – will er zwar sparsam sein. Dies bedeutet aber, dass die zahlreichen Studienabgänger – Glücksfaktor Nr. 3 – mit immer weniger staatlichen Stellen rechnen müssen. Und kein Privatsektor ist vorhanden, der das Glück einer guten Schulbildung mit einem Arbeitsplatz garantieren würde.


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