2. Juli 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Arbeit und Sprache
Arbeitskraft - Pedro Lenz
«Du musst die Nerven behalten!», versuchte die Frau im Speisewagen einen älteren Mann zu beruhigen, der vermutlich ihr Vater war. Wer den beiden lange genug zugehört hatte, verstand bald, dass sich ihr Gespräch um den Gebrauch eines Laptops drehte. Der Vater klagte der Tochter, er sehe nicht ein, warum fast jeder Befehl am Computer auf verschiedene Weise ausgeführt werden könne. Ausserdem sei es ihm nicht möglich, sich so viele Begriffe zu merken.
Möglicherweise war der Mann ein pensionierter Handwerker. Als solcher hätte er sich über den Überfluss an Begriffen nicht zu beklagen brauchen, kennen wir doch in unseren Breitengraden für fast jedes Werkzeug mehrere Bezeichnungen. So ist es beispielsweise fast egal, ob einer von der Bleiwaage, der Wasserwaage oder dem Lügenscheit spricht. Bei den Kellen dagegen bezeichnen die verschiedenen Namen unterschiedliche Modelle. Da ist es also nicht mehr gleichgültig, ob einer die Hamburger-, die Mailänder-, die Schweizer- oder die Zungenkelle meint. Gleiches gilt für die Hämmer, die etwa Maurer-, Gipser oder Schalungshammer heissen. Bedenken wir nun noch, dass auf Bauplätzen meist zahlreiche Sprachen und Dialekte gesprochen werden, wird gleich klar, dass Handwerker über einen äusserst reichen Sprachschatz verfügen müssen.
Ähnliche Feststellungen lassen sich selbstverständlich auch bei Angehörigen anderer Berufsgattungen machen. Die Sprache wird differenzierter, je spezialisierter eine bestimmte Arbeit ist. Für den Laien genügt es, den Unterschied zwischen einer Zange und einer Gartenschere zu kennen. Der Handwerker dagegen sollte zwischen den verschiedenen zangenähnlichen Instrumenten unterscheiden können.
Zuweilen beklagen wir im Alltag den Verlust von Wörtern oder Begriffen, die einst selbstverständlich im Gebrauch waren und irgendwann verloren gegangen sind. Dabei sind wir uns oft zu wenig bewusst, dass Wörter nicht grundlos verschwinden oder verdrängt werden. Die Sprache verändert sich im Gleichschritt mit der Welt. Wenn junge Städter kaum Begriffe aus der Landwirtschaft kennen, dann liegt das nicht an fehlender Sprachkompetenz, sondern bloss daran, dass diese Menschen kaum mit der Landwirtschaft in Berührung kommen.
Falls es also tatsächlich etwas wie eine schleichende Verarmung der Sprache geben sollte, hängt das unter anderem mit der zunehmenden Uniformität unseres Berufsalltags zusammen. In einer Welt, in der immer mehr Tätigkeiten im Büro ausgeführt werden, brauchen wir nicht mehr detailliert über Werkzeuge Bescheid zu wissen.
Freilich wäre es nun falsch, aus diesem Grund gleich einem anklagenden Kulturpessimismus zu verfallen. Denn dort, wo sich die Arbeitswelt verändert, entstehen auch immer sprachliche Neuerungen, die wir bald mit verblüffender Selbstverständlichkeit in den täglichen Sprachgebrauch integrieren. Wer hätte vor fünfzehn Jahren geahnt, dass sein Sprachschatz dereinst um Verben wie «googeln», «twittern» oder «chatten» bereichert sein würde? Der alte Mann im Speisewagen wird den Umgang mit dem Laptop mutmasslich schneller erlernen, als er selber glaubt.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/nachrichten/startseite/arbeit_und_sprache_1.11143514.html






Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.