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24. April 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Arbeit der Träume: die Erzählerin

Arbeitskraft - Katharina Faber

Arbeitskraft - Arbeit der Träume: die Erzählerin (Bild: iStock)Zoom

Arbeitskraft - Arbeit der Träume: die Erzählerin (Bild: iStock)

Sie sitzt an ihrem Tisch und schreibt. Sie schreibt seit Stunden, so schnell es irgendwie geht, um den Faden nicht zu verlieren. Dabei hat sie den Faden schon verloren. Die junge Frau, die sie beschreibt, hat nichts zu tun mit der Erzählung, an der sie gerade arbeitet. Sie hat darin möglicherweise gar nichts zu suchen und – sie hat sie nur geträumt.

Aber so klar, so nah und unausweichlich, dass sie noch mit dem ersten Kaffee in der Hand den Fährten dieses Traums folgt, und diese junge Frau beherrscht jetzt – noch immer namenlos – den ganzen Tag.

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Als sie zu schreiben anfing, hörte sie die Stimmen der Schulkinder, die keuchend und schwatzend die Strasse hoch liefen. Längst ist auf der Schulwiese am Waldrand der Nachmittags-Betrieb mit den knappen Sportrufen im Gang.

Und jene junge Frau, die sie schildert, hat einen leicht verdorbenen Vormittag hinter sich, der mit einem strahlenden Morgen nach einer Liebesnacht begann: Beschwingt ist sie den Hügel hochgestiegen, aber die Pracht der blühenden Kirschbäume verwirrt sie, und beim Rapport greift sie gereizt ihren gutmütigen Chef an.

So sind junge Leute, denkt sich die Erzählerin, alles geht schnell bei ihnen. Kaum aus den Armen ihres zärtlichen, ein wenig fragwürdigen Freundes – und schon kippt die Stimmung, weil sie an eine alte, verflossene Liebe denkt. Und diese alte Liebe bindet dem kleinen Sohn gerade die Schuhe – im Gegenlicht sieht die Erzählerin ihn vor dem Knaben knien. Sie schreibt es nieder.

Kaum ist die junge Frau bei der Arbeit, überwältigt sie der Zorn über die stille Ergebenheit, mit der ihr Chef die absurden Entscheide der Krankenkassen hinnimmt. Die Erzählerin beschreibt widerwillig, wie ihrer jungen Ärztin eine Venen-Punktion nicht wie sonst auf Anhieb gelingt. Alles an dieser jungen Frau aus dem Traum scheint zum Bersten aufgelegt und kraftvoll, und doch stemmt sich ihr überall etwas Zähes, Feindseliges entgegen. Dann wirft sie sich in die nächste Arbeit und denkt, während sie die langen Korridore durcheilt, immer wieder zurück an jenen Fernen, der an diesem Tag in einer andern Stadt, in einem andern Land, auch ohne Unterlass ihr Bild vor sich sieht und nicht versteht, weshalb.

Purer Kitsch, denkt die Erzählerin und schreibt weiter. Sie folgt der geträumten Gestalt in eine immer grösser werdende wuchernde Welt, bis die junge Frau spätabends nach der Arbeit ihre Mutter in der halb leeren Trattoria besucht. Und die Erzählerin – inzwischen hungrig wie ein Wolf – kocht und isst und plaudert und fragt sich später wieder schreibend, warum diese Mutter als Wirtin so erfolglos ist und wie sie mit ihren stummen forschenden Blicken ihre erwachsene Tochter noch immer in der Gewalt hat – und warum der neue zärtliche Freund an diesem Abend nicht erscheinen wird.

Sie schreibt noch ein paar Sätze, sie hat sich hingelegt, das Chili brennt noch stark auf der Zunge – und die nächsten Träume warten schon auf ihren nächsten Sieg.


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