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30. Oktober 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

«Ich habe Grenzen ausgereizt, manche gar überschritten»

33 Fragen an Pascal Kaufmann, CEO Starmind

Pascal Kaufmann, CEO Starmind (Bild: Christian Beutler NZZ)Zoom

Pascal Kaufmann, CEO Starmind (Bild: Christian Beutler NZZ)

hag.

NZZ-Executive: Herr Kaufmann, welches war Ihr Traumberuf als Kind?
Erfinder einer Zaubermaschine, die die Welt verändern kann. Ich wollte schon immer verrückte und aussergewöhnliche Dinge tun. Ich liebe es, Unbekanntes zu entdecken.
Was haben Sie in der Schule für das Leben gelernt?
Altgriechisch und Latein, und dass es sich lohnt, aus der Erfahrung anderer und deren Fehlern und Erfolgen zu lernen. Zudem hilft es, frech zu sein. Man muss auch einmal etwas riskieren, um zu gewinnen.

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Welches war das grösste schulische Drama für Sie?
Dass es immer jemanden gab, der besser war als ich.
Haben Sie als Schüler gemogelt?
Ich habe viele Grenzen ausgereizt und diese hie und da auch überschritten. Durch den Verkauf von Prüfungssammlungen und Taschenrechner-Programmen stellte ich allerdings sicher, dass ich immer in guter Gesellschaft war.
Auf welche ausserschulische Leistung in Ihrer Jugend sind Sie noch heute besonders stolz?
Ich war in jungen Jahren Finanzchef der AG Umwelt und der Schülerorganisation und wurde rausgeschmissen, weil ich unser ganzes Geld für die Rettung des Amazonas-Urwaldes ausgegeben hatte. Gerettet habe ich ihn leider nicht, aber es fühlte sich gut an, für etwas einzustehen.
Welche Ausbildung würden Sie nachholen, wenn Sie die Möglichkeit hätten?
Da ich glaube, dass es in absehbarer Zeit technisch möglich sein wird, Information direkt ins Hirn zu speisen, verschiebe ich das bequem auf später. Am liebsten investiere ich meine Zeit in die Umsetzung und Anwendung von Gelerntem. Immerhin verbrachte ich mehr als 20 Jahre in Ausbildung.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Meine Eltern haben mir meinen Traum erst ermöglicht: Sie haben mich bestärkt und an mich geglaubt. Der Rest war Glück, und ich bin immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. In der Pilotenschule habe ich meine Leidenschaft fürs Fliegen erkannt, und mir wurde viel Verantwortung für teures Material in frühen Jahren übertragen. In den USA und im Labor für künstliche Intelligenz in Zürich durfte ich mit unglaublichen Koryphäen zusammenarbeiten. Und in der Finanzwelt hatte ich das Glück, von sehr anspruchsvollen Machertypen zu lernen.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Dass sie an vielen Tagen ein grosses Geschenk ist. Ich kann mit den besten strategischen Köpfen der Welt zusammenarbeiten, und gemeinsam versuchen wir, etwas radikal Neues zu ermöglichen. Steve Jobs hätte gesagt: «1000 Hirne in Ihrer Westentasche».
Was würden Sie als Ihren grössten beruflichen Erfolg bezeichnen?
Dass es mir gelang, einen Paradigmenwechsel in der Private-Banking-Industrie mit anzustossen. Zum ersten Mal tauschen Top-Kunden einer Bank gegenseitig Know-how. Unternehmer beraten Unternehmer, gesponsert durch eine Grossbank.
Wenn Sie an Ihr erstes Bewerbungsgespräch zurückdenken: Woran erinnern Sie sich noch?
Ich wurde gefragt, wo ich mich in 10 Jahren sehe. Ich sagte: «Sie lesen entweder in der NZZ über mich, oder ich sitze auf Ihrem Stuhl oder beides.» Der CEO hat gelacht und mich eingestellt. Ab dann ging es rasch aufwärts.
Wie viele E-Mails beantworten Sie pro Woche?
20. Ich mache mir nicht viel aus E-Mails, liebe persönliche Gespräche.
Wie viele Stunden arbeiten Sie durchschnittlich pro Tag?
Wenn es darauf ankommt, benötige ich weniger Schlaf als die meisten Menschen. Das hat mir bei wichtigen Verhandlungen immer geholfen.
An welchem Ort können Sie am besten arbeiten und warum?
Beim Kunden, in den Bergen oder auf hoher See: Ich liebe es, meinen Blick schweifen zu lassen.
In welchen Ländern haben Sie gearbeitet – und wo wären Sie gerne noch tätig?
In Europa und den USA bin ich quasi zu Hause. Für Starmind bekommen wir auch Resonanz aus Wachstumsmärkten wie Brasilien und Asien.
Auf welchem Gebiet haben Sie sich zuletzt weitergebildet?
Ich lerne gerne über neue Kulturen und versuche zum Beispiel Anfängerfehler bei Verhandlungen im Ausland zu vermeiden.
Wie hoch war Ihr erster Monatslohn?
8000 Franken. Ich war im Stundenlohn während der Sommerferien 1997 bei einer Grossbank im Bereich Dokumenten-Digitalisierung angestellt. Dass man im Schnitt hätte acht Stunden arbeiten sollen, wurde mir dann im zweiten Monat erklärt.
Welches sind die drei wichtigsten Gründe für Erfolg im Leben?
Eine klare Vision, Leidenschaft und Gelassenheit.
Aus welchem Misserfolg haben Sie am meisten gelernt?
Ich wurde von der ETH als Aushängeschild mit guten Noten in die USA geschickt, wobei ich erschüttert war, wie viel mehr meine amerikanischen Kollegen in viel weniger Zeit gelernt hatten. An Prüfungen fand ich mich regelmässig im letzten Drittel. Daraus ist die Idee entstanden, die fähigsten Experten und Koryphäen der Welt zu identifizieren und mit ihnen schwierige Fragen rasch zu lösen.
Welches sind die drei wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Ruhe im Sturm ausstrahlen, Leidenschaft für sein Team, Zielstrebigkeit.
Welche Person ist für Sie ein persönliches Vorbild?
Gottfried Schatz, einer der eindrücklichsten Forscher, Denker und Redner der Zeit, der es versteht, mit Leidenschaft und Exzellenz zu überzeugen und Menschen zu bewegen.
Welche Person ist für Sie ein berufliches Vorbild?
Guy Kawasaki: weil er polarisiert, inspiriert und es versteht, Leute zu begeistern.
Wann bereitet Ihnen Ihre Berufstätigkeit Bauchschmerzen?
Wenn es nicht schnell genug geht und wir von anderen Personen abhängig sind. Dann würde ich gerne wieder zaubern können.
Worüber ärgern Sie sich stetig im beruflichen Alltag, und was tun Sie dagegen?
Wie schwer leider oft Software noch zu bedienen ist. Ich lasse deshalb so lange Prototypen bauen, bis die Lösungen wirklich bahnbrechend einfach sind.
Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Ihren Mitarbeitenden?
Dass jeder imstande ist, Entscheidungen infrage zu stellen und ausserordentliche Leistungen zu erbringen.
Wie stellen Sie Ihre persönliche Work-Life-Balance sicher?
Meine Familie steht im Mittelpunkt und erdet mich. Ich habe zudem das grosse Glück, dass ich mich sehr stark selber motivieren kann und deshalb versuche, in mir zu ruhen. Das gelingt jedoch nicht immer.
Welche Netzwerke nutzen Sie beruflich?
Wir betreiben ein völlig neuartiges Echtzeit-Know-how-Netzwerk, das ich täglich benutze.
Welche persönliche Freiheit vermissen Sie am meisten?
Nicht jeden Tag die Kochkünste meiner Freundin geniessen zu können.
Was stört Sie als Staatsbürger?
Zu viele Menschen um mich herum schimpfen den ganzen Tag, ohne eigentlich zu realisieren, dass wir in der Schweiz im Vergleich in paradiesischen Verhältnissen leben.
Kommen Sie manchmal zu spät?
Es steckt leider irgendwie in meinen Genen, ich bin immer ein paar Minuten zu früh bei Terminen.
Ihre grösste Tugend?
Von anderen zu lernen, nicht alle Erfahrungen selber machen zu müssen.
Ihr grösstes Laster?
Ich bin immer hungrig und neugierig, neue Eissorten auszuprobieren.
Ihr Lieblingsbuch?
«Brave New World», von Aldous Huxley: weil es zum Denken anregt und uns viel über das Menschsein und aktuelle Forschung lehrt.
Ihr Lieblingsfilm?
«Matrix», von den Wachowski-Brüdern: Die Symbiose und der Kampf von Mensch und Maschine sind hier eindrücklich dargestellt.
Welches persönliche Ziel möchten Sie noch erreichen?
Ein neues Geschäftsmodell für die Schweiz mit zu entwickeln. Wir haben alle Möglichkeiten hierzu in unserem wunderbaren Land, und ich glaube, die Schweiz kann neben Finanzdienstleistung und Tourismus in naher Zukunft auch der Wissenshub der Welt werden.

Zur Person

Pascal Kaufmann, 33, ist diplomierter Biologe ETH und seit 2010 CEO und Partner der Starmind International AG. Rund 7500 Experten und Koryphäen weltweit arbeiten am Starmind-Konzept mit. Vor der Gründung von Starmind war Kaufmann von 2006 bis 2008 Senior Sales Manager Private Banking der Bank Julius Bär & Co. Ltd. Von 2003 bis 2006 gehörte er zu den führenden Beratern der Marschollek Lautenschläger & Partner (MLP) Private Finance AG. Mit einer Spezialisierung in Hirnforschung (ETH) und Cyborg Technology an der Northwestern University, IL, USA, ist er Gründer von Talent-Netzwerken und seit 2001 auch am Labor für künstliche Intelligenz der Universität Zürich tätig. Pascal Kaufmann forschte an der Schnittstelle zwischen lebendigen Gehirnen und Maschinen, was zusammen mit Marc Vontobel zur Gründung von Starmind führte. Diese ist ein Know-how-Netzwerk, das menschliche Erfahrung mit Hightech und Erkenntnissen aus künstlicher Intelligenz verknüpft. Kunden sind Finanzdienstleister, die Echtzeit- Know-how einsetzen.


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