7. August 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
«Ich hätte gerne mehr Zeit für die Kunst des Briefeschreibens»
33 Fragen an Beth Krasna, Mitglied mehrerer Verwaltungsräte und des ETH-Rats


Beth Krasna, Mitglied mehrerer Verwaltungsräte und des ETH-Rats
Interview: nan.
NZZ-Executive: Frau Krasna, welches war Ihr Traumberuf als Kind?
Ich hatte zu viele Interessen, um mich auf nur einen Traum zu konzentrieren.
Was haben Sie in der Schule für das Leben gelernt?
Solide Grundkenntnisse und die Dinge zu hinterfragen.
Welches war das grösste schulische Drama für Sie?
1968 hat sich meine Schulklasse als Zeichen des Protests geweigert, eine Prüfung zu schreiben. Ich war zwar damit nicht einverstanden, habe aber trotzdem mitgemacht. Später habe ich gelernt, meinen Überzeugungen zu folgen, auch wenn mich dies zur Aussenseiterin machte.
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Haben Sie als Schülerin gemogelt?
Nein, nie.
Auf welche ausserschulische Leistung in Ihrer Jugend sind Sie noch heute stolz?
Aufs Ballett und darauf, was es für mich an Disziplin und Leidenschaft mit sich brachte.
Welche Ausbildung würden Sie nachholen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Die Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology besuchen.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Die Lehrer an der Ecole Nouvelle de la Suisse Romande, die uns gelehrt haben, dass man mit Fleiss alles erreichen kann.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Die herausragenden Eigenschaften der Menschen, denen ich begegne.
Was würden Sie als Ihren grössten beruflichen Erfolg bezeichnen?
Erfolgreich Industrie- und Technologieunternehmen geführt zu haben – in einer Männerwelt.
Ihr erstes Bewerbungsgespräch: Woran erinnern Sie sich noch?
Dass das Unternehmen es nicht gewohnt war, Frauen mit einem Hochschulabschluss anzustellen, aber bereit, es zu versuchen.
Wie viele E-Mails beantworten Sie pro Woche?
Zirka 300.
Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Tag?
Zwischen 12 und 14.
An welchem Ort können Sie am besten arbeiten?
Überall.
In welchen Ländern haben Sie bisher gearbeitet – und wo wären Sie gerne noch tätig?
In der Schweiz, in den Vereinigten Staaten, in Grossbritannien, Frankreich, Thailand und für kurze Zeit auch in Marokko und Tschechien. Der Arbeitsort ist für mich nicht von Bedeutung.
Auf welchem Gebiet haben Sie sich zuletzt weitergebildet?
In der Weiterentwicklung von Audit-Committees und in der Bankenregulierung.
Wie hoch war Ihr erster Monatslohn?
1977 habe ich als projektverantwortliche Ingenieurin 5000 Franken verdient.
Welches sind Ihrer Ansicht nach die drei wichtigsten Gründe für Erfolg im Leben?
Seine Neigungen verfolgen, hart arbeiten, anderen Menschen mit Respekt begegnen.
Aus welchem Misserfolg haben Sie am meisten gelernt?
Bei Albert-Inc SA, einer jungen Startup-Firma im Bereich semantischer Suchmaschinen, waren wir im Jahr 2000 zu früh, als wir versuchten, das Produkt unmittelbar nach den Software-Erneuerungen rund um das «Millennium-Problem» zu verkaufen. Und dann fielen wir in die unsichere Zeit nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Daraus lernte ich, dass die externen Faktoren bei der Einführung neuer Produkte oder bei Unternehmen in der Startphase manchmal unvorhersehbar und unkontrollierbar sind.
Welches sind die drei wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Ehrlichkeit, Integrität und Vertrauen.
Wer ist für Sie ein persönliches Vorbild?
Ich habe verschiedene Inspirationsquellen und kann diese nicht auf eine einzelne Person reduzieren.
Welche Person ist für Sie ein berufliches Vorbild?
So eine Person hat es für mich nie gegeben. Mich haben stets die Aufgaben und die Herausforderungen motiviert.
Wann bereitet Ihnen Ihre Berufstätigkeit Bauchschmerzen?
Wenn ich sehe, dass etwas zum Misserfolg wird, und ich dies nicht aufhalten kann.
Worüber ärgern Sie sich immer wieder im beruflichen Alltag, und was tun Sie dagegen?
Über Ungeduld – meine eigene und die der anderen.
Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Ihren Mitarbeitenden?
Dass sie eine andere Meinung konstruktiv einbringen können.
Wie stellen Sie Ihre persönliche Work-Life-Balance sicher?
Ich unterscheide nicht zwischen Beruf- und Privatleben. Manchmal ist es für mich schwierig, zu sagen, ob ich jetzt arbeite oder ob ich mich amüsiere.
Welche Netzwerke nutzen und pflegen Sie beruflich?
Ich ziehe persönliche Kontakte Netzwerken vor.
Welche persönliche Freiheit vermissen Sie am meisten?
Ich hätte gerne mehr Zeit für die Kunst des Briefeschreibens.
Was stört Sie am meisten als Staatsbürgerin?
Dass sich Investitionen in die Zukunft des Landes und das Festhalten an Errungenschaften nicht die Waage halten.
Kommen Sie manchmal zu spät?
Ich habe oft das Gefühl, spät dran zu sein. Tatsächlich bin ich es aber fast nie.
Ihre grösste Tugend?
Durchhaltevermögen.
Ihr grösstes Laster?
Dunkle Schokolade.
Ihr Lieblingsbuch?
Es gibt zu viele Autoren, die mir gefallen, um einen einzelnen zu nennen.
Was kaufen Sie selber ein – und wo tun Sie dies?
Lebensmittel. Natürlich mache ich das bei Coop.
Welches persönliche Ziel möchten Sie noch erreichen?
Immer ein Ziel vor Augen zu haben.
Beth Krasna
Beth Krasna, 58, ist unabhängige Verwaltungsrätin diverser Unternehmen. Sie ist zudem Mitglied des ETH-Rats. Die schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin hat ein Diplom als Chemieingenieurin der ETH Zürich und einen Management-Master des MIT. Seit den achtziger Jahren war sie als Unternehmensberaterin sowie Chefin und Partnerin mehrerer Venture-Capital-Firmen tätig. 1996 bis 2003 führte Krasna als CEO Schweizer Industriefirmen zum Turnaround, darunter Valtronic und Sécheron. Ausserdem war sie CEO der IT-Startup-Firma Albert-Inc SA. Beth Krasna ist verheiratet und hat zwei Kinder, die ihr Mann in die Ehe brachte.
Seit 2004 ist Krasna als Verwaltungsrätin von Schweizer Firmen tätig. Sie gehört dem VR von Coop, Waadtländer Kantonalbank, Bonnard et Gardel Holding und Raymond Weil an.
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Kommentare lesen
helga ritsch (10. August 2011, 15:30)
Intelligente
Antworten, aussergewöhnlich formuliert - gut zu lesen.
Hans Müller (9. August 2011, 19:31)
E-Mails
wie kann eine Person mit allen diesen Aufgaben glaubwürdig erscheinen, wenn behauptet wird, dass pro Woche 300 Mails beantwortet werden.
Es gibt Menschen die meinen die Anzahl beantworteter E-Mails trage zur Leistung bei und bewirke einen positiven Eindruck.
Stephan Baumann (8. August 2011, 11:13)
Was ist eine ...
... "unabhängige" Verwaltungsrätin?
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