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8. Juli 2009, Neue Zürcher Zeitung

Geld oder Stelle!

Wie Lohnstarrheiten zur steigenden Arbeitslosigkeit beitragen

Arbeitgeber greifen in Rezessionsphasen erstaunlich selten auf das Mittel zurück, die Nominallöhne ihrer Mitarbeiter zu kürzen. Viel eher entlassen sie Teile der Belegschaft. Dass Löhne nach unten so starr sind und es deshalb zu überhöhter Arbeitslosigkeit in der Wirtschaft kommt, hat auch psychologische Gründe.

mbe. Die Rezession stellt die Firmenchefs weltweit vor unangenehme Entscheidungen. Wenn sie ihre Personalkosten reduzieren wollen – was sie angesichts der drastisch eingebrochenen Geschäfte häufig müssen –, haben sie im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Zum einen können sie die Löhne der Mitarbeitenden kürzen. Zum anderen können sie die Beschäftigung reduzieren, d. h. zum Mittel der Kurzarbeit greifen oder gar ganze Teile der Belegschaft entlassen. Aus Sicht der Wirtschaftstheorie sollte beides zu beobachten sein. So ist zu erwarten, dass sich auf einem freien Arbeitsmarkt der Preis der Arbeit (also der Lohn) der stark gesunkenen Arbeitsnachfrage anpasst – und somit in Rezessionsphasen sinkt. Doch in der Realität passiert dies nur sehr selten. Die Erfahrung zeigt, dass Arbeitgeber fast immer vor Lohnkürzungen zurückschrecken. Stattdessen greifen sie zu Entlassungen. Die Folge ist, dass die Arbeitslosigkeit in der Wirtschaft übermässig steigt.

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Starre Löhne auch in der Schweiz

In der wissenschaftlichen Literatur bezeichnet man dieses Phänomen als «Lohnstarrheiten». Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass sie wichtig sind für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in vielen Ländern. Auch in der Schweiz spielen sie eine bedeutende Rolle, wie aus einer Studie der Ökonomen Ernst Fehr (Universität Zürich) und Lorenz Götte (Universität Genf) des Jahres 2005 hervorgeht. Die Autoren haben untersucht, wie sich die Löhne und die Arbeitslosigkeit schweizweit von 1991 bis 1997 entwickelten – also in einer wirtschaftlich schwierigen Phase, die in vielem der heutigen gleicht. So stieg damals die Arbeitslosigkeit drastisch an. Gleichzeitig war die Periode von wirtschaftlicher Stagnation bei gleichzeitig niedrigen Inflationsraten gekennzeichnet. Das trifft im Grossen und Ganzen auch auf die derzeitige Rezession zu.

Fehr und Götte zeigen in ihrer Arbeit zum Ersten, dass die Nominallöhne in der Schweiz in den 1990er Jahren nur relativ selten gekürzt wurden. Dies wog umso schwerer, als es fast keine Inflation gab. Das heisst, die Firmen konnten ihre realen Personalkosten nicht einfach senken, indem sie die Löhne konstant hielten und darauf setzten, dass eine hohe Inflation den Realwert der Löhne schon «wegfressen» würde. Im Gegenteil hätten sie die realen Personalkosten nur senken können, indem sie die Nominallöhne reduzierten – was sie aber kaum taten. Die Studienautoren zeigen zum Zweiten, dass viele Firmen in der Folge zu Entlassungen griffen und die Arbeitslosigkeit in der Schweiz deshalb stark anstieg. So ist zu beobachten, dass die Arbeitslosigkeit etwa in jenen Branchen und in jenen Kantonen besonders stark zunahm, in denen Lohnstarrheiten ausgeprägt auftraten (vgl. Grafik).

Verletzte Fairnessnormen

Die Wirtschaftstheorie hat lange Zeit darüber gerätselt, warum Löhne nach unten so starr sind. Heute sieht man dafür vor allem drei Gründe. Zum Ersten spielt die institutionelle Ausgestaltung des Arbeitsmarktes eine Rolle. Wo beispielsweise Gewerkschaften einen grossen Einfluss haben, Gesamtarbeitsverträge den Spielraum zu Lohnverhandlungen auf Firmenebene einschränken oder gar bindende Mindestlöhne vorgeschrieben sind, besteht kaum Spielraum zum Anpassen der Nominallöhne nach unten. Aber auch ohne diese institutionellen Zwänge kann die Lohnflexibilität, zum Zweiten, durch die Lohnsysteme der einzelnen Firmen begrenzt werden. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass die weitverbreiteten Boni der Finanzbranche jüngst scharf kritisiert worden sind. Aber variable Lohnbestandteile haben auch den Vorteil, dass sie sich leichter kürzen lassen als Fixlöhne; die Credit Suisse und die UBS haben in den letzten Monaten vorexerziert, wie man die Personalkosten so drastisch senken kann.

Zum Dritten sieht man Lohnstarrheiten heute aber vor allem auch in Fairnessnormen begründet. In dieser Sicht verletzen Lohnkürzungen den psychologischen Vertrag zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer: Wenn die Mitarbeiter sich unfair behandelt fühlen, reagieren sie mit einer reduzierten Arbeitsmoral und fahren ihren Arbeitseinsatz entsprechend zurück. Solches Verhalten zeigt sich tatsächlich in ökonomischen Experimenten und Feldstudien. Es bietet auch eine Erklärung, warum Firmen lieber auf Entlassungen zurückgreifen als auf Lohnkürzungen: Besser, man entlässt und verärgert so einen Teil der Belegschaft (der dann aber nicht mehr in der Firma ist), als dass man die Löhne für alle kürzt und dann mit generell demotiviertem Personal konfrontiert ist.

Nichts Neues in der jetzigen Krise

Wie werden die Schweizer Firmen und Arbeitnehmer auf die Herausforderungen in der derzeitigen Rezession reagieren? Dies lässt sich erst abschätzen. Einiges deutet darauf hin, dass es erneut nicht zu Lohnkürzungen im grossen Stil kommen wird. So haben die Lohnverhandlungen für jene Arbeitnehmer, die einem Gesamtarbeitsvertrag unterstehen, für 2009 eine durchschnittliche Lohnerhöhung von 2,6% gebracht. Zudem haben sich in den vergangenen Jahren vermehrt vertragliche Mindestlöhne festgesetzt, zum Teil als flankierende Massnahmen gegen die Personenfreizügigkeit; das beschränkt die Lohnflexibilität nach unten. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass die Betriebe erneut vor allem zur Reduktion der Beschäftigung schreiten. Derzeit steht dabei hauptsächlich noch das Instrument der Kurzarbeit im Vordergrund, das vom Bund mit einer Ausweitung der Bezugsdauer von 12 auf 18 Monate besonders gefördert wird. Im März 2009 waren in der Schweiz rund 40 000 Personen von Kurzarbeit betroffen. Diese kann auch als eine – quasi staatlich geförderte – Form der Lohnkürzung aufgefasst werden, denn die Arbeitnehmer erhalten 80% ihres Lohnausfalles vom Staat ausgeglichen (wer also das Pensum auf 50% reduziert, erhält noch 90% seines bisherigen Lohnes).

Das Instrument Kurzarbeit birgt allerdings die Gefahr, dass Entlassungen nur hinausgeschoben und damit nötige Strukturanpassungen verzögert werden. Erfahrungen aus der letzten Krise um 2001/02 sprechen zum Teil für solche Verzögerungseffekte. Das würde bedeuten, dass es schliesslich doch zu einem markanten Anstieg der Arbeitslosigkeit kommen dürfte. Dieser hat schon begonnen: So haben seit Ausbruch der Rezession rund 40 000 Personen ihre Arbeit verloren, und die Ökonomen des Bundes rechnen mit einer Zunahme der Arbeitslosenquote auf durchschnittlich 5,5% im kommenden Jahr. Vieles deutet darauf hin, dass die Firmen beim Abwägen zwischen «Geld» und «Stelle» auch in dieser Rezession auf die Seite des Letzteren neigen.


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5 Leserkommentare:
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Christian Pfister (9. Juli 2009, 08:44)
weitere Möglichkeit

Währe es eigentlich nicht möglich den Lohn in schlechten Zeiten zu kürzen, und in guten Zeiten den gekürzten Betrag innerhalb einer geeigneten Zeit den Arbeitern auszuzahlen. Unabhängig der folgenden Lohnentwicklung. Und falls dann trotzdem Leute entlassen werden müssten, hätten sie denselben Anspruch. Es gäbe sicherlich noch weitere Möglichkeiten, ich denke aber, dass viele grosse Firmen die Krisen nutzen um ohne Kritik der Gesellschaft gewünschte Entlassungen zu tätigen.

Gernot Handlbauer (9. Juli 2009, 08:34)
Lustige Wissenschaft

Man stellt ein Modell auf, findet heraus, dass es die Realitaet nicht annaehernd abzubilden in der Lage ist und bringt dann 150 - 200 Jahre damit zu, diese Feststellung zu diskutieren. Gut, dass sich Herr Roentgen, Frau Curie und viele andere, die der Menschheit bei der Bewaeltigung von Problemen geholfen haben, nicht an diese Methode der gehalten haben.

Marcel Zufferey (9. Juli 2009, 07:30)
Am liebsten nur noch runter...

Ich kann mich dem vorhergehenden Kommentar nur anschliessen: Gut, einverstanden, sinkende Löhne in rezessiven Phasen- aber dann auch bitteschön ensprechend steigende Reallöhne, wenn die Geschäftsgewinne Jahr für Jahr neue Rekordstände erreichen. Setzt man den Gedanken dieses Artikels fort, so gibt es bei der Reallohnentwicklung schlussendlich nur noch eine Richtung: Nach unten. Wenigstens wurde die Message so gut verpackt, dass ein Grossteil der Arbeitnehmer gar nicht dahinter kommt, um was es hier geht!

Fritz Berger (9. Juli 2009, 07:23)
Einnahmen – Ausgaben

Ich wäre allenfalls für mehr Lohnflexibilität zu haben, wenn ich wüsste, dass diese Flexibilität – in einer Art vom Bund oder den SNB ausgegebenen Leitsatz – gleichzeitig (!) auf regelmässige Ausgabenposten wie Miete, Krankenversicherungsprämien, Strom etc. angewandt würde… was allerdings kaum praktikabel ist.

Volker Seer (8. Juli 2009, 23:17)
Interessant

in schlechten Zeiten sollen die Löhne sinken? Sehr interessant ist in diesen Zusammenhang, dass die Löhne in letzten Boomjahren auch nicht gestiegen sind ausser den Löhnen der Führungsetagen und die Boni

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