9. September 2009, Neue Zürcher Zeitung
Am US-Arbeitsmarkt herrscht grösstes Leiden seit Jahrzehnten
Mehr Menschen betroffen, als die offizielle Arbeitslosenstatistik angibt
In den USA sind 15 Mio. Amerikaner oder 9,7% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter offiziell arbeitslos. Inoffiziell sind noch einige Millionen mehr betroffen. Die Lage ist seit mindestens Anfang der achtziger Jahre nicht mehr so schlecht gewesen. Die finanziellen und psychologischen Auswirkungen für die Betroffenen sind gravierend.
Von unserem Wirtschaftskorrespondenten in Washington, Walter Meier
Washington, Anfang September
Seit Dezember 2007, dem offiziellen Beginn der Rezession und dem Monat, als die Zahl der Arbeitsplätze im letzten Konjunkturaufschwung ihren Höhepunkt erreichte, sind in den USA knapp 7 Mio. Stellen verloren gegangen. Damit haben sich seit damals die Zahl der Personen ohne Beschäftigung und die Arbeitslosenquote mehr als verdoppelt (vgl. Tabelle). Mit 9,7% lag letztere im August auf dem höchsten Stand seit 1982.
Nicht das ganze Bild
Die derzeit knapp 15 Mio. Arbeitslosen vermitteln jedoch nur ein Teil des ganzen Bildes. Offiziell erfasst wird nämlich nur, wer sich in den vorangegangenen vier Wochen aktiv um einen Arbeitsplatz bemüht hat. Zählt man noch die Personen dazu, die zwar während der letzten zwölf Monate, nicht aber während der letzten vier Wochen eine Stelle gesucht haben, liegt die Arbeitslosigkeit um 2,3 Mio. höher. Ein Drittel dieser 2,3 Mio. hat die Suche aufgegeben, weil die Betroffenen keine Hoffnung auf Erfolg bei der Jagd nach einem Arbeitsplatz mehr hegen. Zur offiziellen Arbeitslosenzahl hinzuzählen liessen sich schliesslich ferner gut 9 Mio. Personen, die unfreiwillig nur Teilzeit arbeiten; sei es, dass der Arbeitgeber die Zahl der Stunden gekürzt hat oder dass sie lediglich eine Teilzeitstelle finden konnten, obwohl sie einen vollen Job suchten. Summiert man all diese Personen, so kommt man auf über 26 Mio. betroffene Amerikaner oder 16,8% der Erwerbsbevölkerung.
Ein Blick auf die letzte (Mini-)Rezession zu Beginn des Jahrzehnts belegt, wie viel schlimmer die Auswirkungen der derzeitigen Wirtschaftskrise sind (vgl. Tabelle). Die Zahl der Stellenverluste beträgt im Vergleich zu damals – bis jetzt – das Zweieinhalbfache. Im Wesentlichen war die Krise damals eine solche der Industrie, vorab der Hightech-Industrie. Netto gingen in anderen Wirtschaftsbereichen kaum Stellen verloren.
Bau besonders betroffen
Zwar wurden absolut auch diesmal in der Industrie die meisten Arbeitsplätze abgebaut, relativ noch stärker getroffen hat es jedoch die Bauwirtschaft. Dort hatte die Krise schon Anfang 2007 eingesetzt. Seitdem sind im Bau 21,2% der Stellen verloren gegangen; angesichts der vielen informell tätig gewesenen illegal Eingewanderten in diesem Sektor dürfte der tatsächliche Rückgang allerdings noch stärker gewesen sein. Boom und Krise am Häusermarkt waren dabei nicht in allen Landesgegenden gleich. Zuerst besonders stark profitiert und anschliessend überdurchschnittlich gelitten haben Gliedstaaten wie Kalifornien, Florida und Nevada. Dort lagen denn auch die Arbeitslosenquoten mit zwischen 10,7% und 12,5% im Juli über dem nationalen Durchschnitt.
Drastische Auswirkungen zeigte die Krise auch in der Automobilindustrie. Allen voran Michigan (15%), aber auch andere Bundesstaaten, vorab diejenigen, die von den Schwierigkeiten bei General Motors und Chrysler betroffen wurden, weisen daher nun höhere Arbeitslosenquoten aus als der Landesdurchschnitt. Wenn eine Autofabrik schliessen muss, ist dies für die Arbeitnehmer und den Standort ein traumatisches Erlebnis. Viele Beschäftigte verlieren nicht nur ihre Stelle, sondern sehen oft gleichzeitig den Wert ihres Eigenheims drastisch sinken. Zudem ist der Verlust des Arbeitsplatzes in den USA vielfach mit jenem der Krankenversicherung verbunden. Sich als Einzelperson gegen Krankheit zu versichern (also nicht zu Gruppenprämien wie über den Arbeitgeber), ist für viele Leute unerschwinglich. Akzentuiert wird das Problem dadurch, dass mit der Arbeitslosigkeit häufig stressbedingte gesundheitliche Probleme einhergehen. Das ist auch deshalb so, weil das soziale Netz für Arbeitslose in den USA nicht so eng geknüpft ist. Lange nicht alle beschäftigungslosen Personen kommen in den Genuss von Arbeitslosengeldern. Und wenn, sind diese geringer als etwa in Europa. Grundsätzlich ist auch die Auszahlungsdauer kürzer, im Regelfall nur ein halbes Jahr. Allerdings wurde die Bezugsdauer in den meisten Gliedstaaten auf ein bis eineinhalb Jahre ausgedehnt. Gleichwohl steigt zurzeit die Zahl der Arbeitslosen, bei denen die Bezüge auslaufen. Im Kongress dürfte daher bald über eine neuerliche Verlängerung der Bezugsdauer diskutiert werden.
Auswirkungen der Arbeitslosigkeit
Was die Arbeitslosigkeit für die Menschen bedeutet, hat eine Umfrage des Heldrich Center for Workforce Development an der Rutgers University deutlich gemacht. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, an Ruhelosigkeit und Schlafstörungen zu leiden, in der Familie vermehrt zu streiten und soziale Kontakte zu vermeiden. Die Mehrheit muss zudem auf Ersparnisse fürs Alter zurückgreifen. Über die Hälfte der Befragten gab an, von Familienmitgliedern oder Freunden Geld ausgeliehen zu haben. Viele Betroffene sind dennoch mit Hypothekenraten in Rückstand geraten und sehen ihre Kreditkartenschulden steigen. Die finanziellen Probleme rühren teilweise daher, dass viele Arbeitnehmer in Amerika auch beim unverschuldeten Verlust einer Stelle keinen vertraglichen Anspruch auf eine Abfindungssumme haben. Ausserdem erhielten nur 43% der Befragten staatliches Arbeitslosengeld. Wie aus der Umfrage weiter hervorgeht, waren die meisten Betroffenen vom Verlust des Arbeitsplatzes völlig überrascht; 80% erfuhren von der Kündigung erst zwei Wochen oder weniger vor dem letzten Arbeitstag.
Die gegenwärtige Not paart sich bei vielen der Befragten mit einem gewissen Zukunftspessimismus. Gut die Hälfte glaubt, dass die derzeitige Krise nicht nur konjunktureller Natur ist, sondern grundlegende Veränderungen in der Wirtschaft anzeigt. Ausserdem glauben nur 20% daran, dass sich die US-Wirtschaft innerhalb eines Jahres wieder erholen wird. Die Verfasser der Studien bezeichnen die gegenwärtige Krise in Anspielung auf den verheerenden Wirbelsturm im Herbst 2005 als die «Katrina der Rezessionen». Sie fürchten, dass die dadurch ausgelöste Arbeitslosigkeit lang nachhallende finanzielle und psychologische Auswirkungen auf Millionen von Personen und damit auch auf das soziale Gefüge des Landes haben wird.
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Kommentare lesen
Edwin Müller (9. September 2009, 13:38)
Zweckoptimismus oder das Ende der Krise naht ...
Die neue Redefloskel eines Politikers: Die Wirtschaft wird sich Schrittweise, oder sie ist zumindest im Begriff, sich zu erholen! Doch im gleichen Atemzug folg: Aber man warne doch (noch) vor der Zukunft(!) und dass sich die (erhofte) Erholung nur langsam erfolgen werde und weiterhin die Gefahr von erheblichen Risiken bestünden! Das Risiko wird wohl sein, sich den Herausforderungen die durch die Wirtschafts- und Finanzkrise, beispielsweise eben durch die enorme Arbeitslosigkeit entstanden ist oder das Kundenvertrauen in die Banken, wieder in den Griff zu bekommen!
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