28. November 2011, Neue Zürcher Zeitung
Zu Land und zu Wasser
Wirtschaft im Gespräch: Werner Twerenbold – mit Rundreisen zum Erfolg
Entweder – oder: entweder an der Hochschule St. Gallen das Studium beenden oder die Führung des Familienunternehmens übernehmen. Vor diese Wahl gestellt, beendete Werner Twerenbold nach drei Semestern abrupt seine akademische Karriere, kehrte in den Aargau zurück und trat 1969 mit 21 Jahren in den Badener Speditions- und Busbetrieb Gebrüder Twerenbold ein. Ein anderer Entscheid hätte unabsehbare Konsequenzen nach sich gezogen, denn seine beiden älteren Brüder hatten beruflich andere Wege eingeschlagen, und sein Vater und sein Onkel, die das 1895 gegründete Unternehmen in zweiter Generation führten, wollten sich aus Altersgründen zurückziehen. Ein Nein hätte, wie der mittlerweile 65-jährige Alleinaktionär und Verwaltungsratspräsident festhält, wohl das Ende des Familienbetriebs bedeutet, denn es waren bereits Gespräche mit kaufwilligen Interessenten im Gang.
Ein Spezialist für Rundreisen
Seither sind über 40 Jahre verstrichen. Der ehemalige Familienbetrieb, der bei Twerenbolds Einstieg ein paar Busse, Kipper und Möbelwagen betrieb und damit rund 2 Mio. Fr. umsetzte, hat sich zu einem breit abgestützten Konzern ausgewachsen. Zehn Gruppengesellschaften generieren mit 300 Mitarbeitern einen Umsatz von 115 Mio. Fr. Zum Kerngeschäft zählt weiterhin das unter dem Dach der Twerenbold Reisen zusammengefasste Reisegeschäft. Mit einer Flotte von 52 Reisecars, die Hälfte davon in der Luxusklasse, bezeichnet sich Twerenbold im Markt für Rundreisen nicht nur in der Schweiz als Nummer eins, sondern auch in Europa.
In dieses aus eigener Kraft erschlossene Marktsegment fallen nicht etwa Fahrten an Badestrände oder in ferne Länder, sondern anspruchsvolle Kunst-, Kultur- und Musikreisen. Teil des Angebots sind auch Fluss- und Kreuzfahrten, die mit vier eigenen Schiffen bestritten werden. Diese sind, wie Twerenbold mit einigem Stolz festhält, vollständig aus eigenen Mitteln finanziert worden. Am ehesten lässt sich die Twerenbold-Gruppe als vertikal integrierter Reisekonzern verstehen, der sämtliche Glieder der Wertschöpfungskette selbst produziert und überwacht. Das trägt zur Unverwechselbarkeit des Angebots bei und sichert eine starke Marktposition.
Das namentlich in den vergangenen Jahren rasante Wachstum der Gruppe kontrastiert mit den schwierigen Anfängen des frischgebackenen Firmenchefs Ende der sechziger Jahre. Einmal im Besitz des Tresorschlüssels und damit der unternehmerischen Verantwortung, musste Twerenbold in Mitarbeiterversammlungen seinen Angestellten mitteilen, dass die Firma ausserstande sei, einen dreizehnten Monatslohn auszuzahlen. Hinzu gesellte sich die Abfindung der beiden anderen Familienstämme, die zu einer grossen finanziellen Belastung wurde und die Firma zwang, grosse finanzielle Risiken einzugehen. Es mussten Liegenschaften belastet, Hypotheken erhöht, Filetstücke beziehungsweise Landparzellen an bester Lage versilbert werden, um genügend Liquidität für die Auszahlung ausscheidender Familienangehöriger bereitzustellen. Die Belastungen waren so hoch, dass ernsthaft erwogen wurde, die 16 000-m²-Landreserve in Baden-Rütihof, auf der seit 1989 der Hauptsitz steht, dem Verkäufer zurückzugeben.
Die Wende zum Besseren stellte sich Ende der siebziger Jahre ein und war zu einem guten Teil die Folge einer organisatorischen Neuausrichtung der Gruppe, die mit klaren Strukturen und Verantwortlichkeiten in den einzelnen Geschäftsbereichen einherging. Von grösster Bedeutung für das Gedeihen des Unternehmens war laut Twerenbold auch ein Aktionärsbindungsvertrag zwischen ihm und seinen vier Geschwistern. Dieser sah zum einen vor, dass die nicht aktiv im Unternehmen tätigen Geschwister nicht am künftigen Erfolg und Misserfolg der Firma partizipieren sollten; zum andern räumte er dem Firmenchef das Recht ein, die Aktien seiner Brüder und Schwestern innerhalb einer gewissen Zeitspanne zurückzukaufen. Twerenbold, der mittlerweile alle Aktien hält, ist davon überzeugt, dass es das Unternehmen ohne diesen weitsichtigen Vertrag nicht mehr gäbe. Im Übrigen pflegt er, wie er betont, seit je ein herzliches Verhältnis zu seinen Geschwistern, die sich nicht benachteiligt fühlen und ihm den Erfolg in keiner Weise missgönnen.
Ein Nachfolger steht bereit
Als weiteren Erfolgsfaktor nennt Twerenbold den Umstand, dass er über die Jahrzehnte hinweg stets auf ausserordentlich loyale, professionelle Führungskräfte und zuverlässige Teams zählen konnte. Nur ein einziges Mal in über vier Jahrzehnten habe ihn ein Geschäftsführer um 200 000 Fr. geprellt. Auf die eigenen Stärken angesprochen, nennt Twerenbold seinen Fleiss («schaffen, schaffen, schaffen»), seine Bodenständigkeit und seine Fähigkeit, mit Kunden und Mitarbeitern umzugehen. Er habe von Anfang an realisiert, dass er alleine nie zu einem Ziel kommen würde, und habe deshalb seinen Mitstreitern die Möglichkeit eröffnet, unternehmerisch tätig zu werden. Ein Wermutstropfen bleibt: Wenn er das Rad der Zeit zurückdrehen könnte, würde er eine weiterführende Ausbildung anstreben und einige Berufsjahre im Ausland verbringen. Genau das hat sein Sohn getan, der bereits in der Firma tätig ist und in Bälde in seine Fussstapfen treten soll.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/magazin/wirtschaft-im-gespraech/zu_land_und_zu_wasser_1.13436742.html



















Senior Entwicklungs-ingenieur
Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.