Direkte Links und Access Keys:

5. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung

Erfolgreicher Spielverderber

Wirtschaft im Gespräch: Zeljko Rohatinski – Kroatiens weitsichtiger Zentralbankchef

Zeljko Rohatinski, Kroatiens Zentralbankchef (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Zeljko Rohatinski, Kroatiens Zentralbankchef (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

tf. Zagreb

Wer inmitten eines rauschenden Festes die Gläser abzuräumen beginnt, macht sich in aller Regel keine Freunde. Zeljko Rohatinski kümmerte dies jedoch wenig, als er 2005 – noch in Zeiten der ökonomischen Unbekümmertheit und des Booms – die Rolle des Spielverderbers übernahm. Mit strengem Regelwerk begrenzte der kroatische Zentralbankchef das Kreditwachstum und zwang die Finanzhäuser zu Rückstellungen, die in ihrer Höhe wohl beispiellos waren in Europa. All dies provozierte nicht nur im Inland scharfe Kritik. Auch ausländische Banken, die über 90% des kroatischen Finanzsektors kontrollieren, taten sich schwer mit Rohatinski, der sich so überhaupt nicht anstecken lassen wollte von der damaligen Goldgräberstimmung.

Anzeige:

Bedrohtes Währungsregime

Nach dem Kollaps von Lehman Brothers mussten aber auch ehemalige Erzfeinde ihr Urteil über den eigenwilligen Ökonomen, der seit 2000 an der Spitze der Zentralbank steht, revidieren. So gilt heute als unumstritten, dass der kroatische Finanzsektor nicht zuletzt deshalb ohne grössere Blessuren durch die erste Phase der Finanzkrise kam, weil die Notenbank zuvor das Bankensystem erfolgreich domestiziert und mit dicken Polstern ausstaffiert hatte. Mit gutem Grund wurde Rohatinski Anfang 2009 vom internationalen Fachmagazin «The Banker» zum weltbesten Zentralbankchef des Jahres 2008 gewählt. Der 60-Jährige geniesst dabei in seiner Heimat auch ausserhalb der Finanzwelt grossen Respekt; bei Umfragen zur Popularität thront er hinter Staatspräsident Josipovic stets an oberster Stelle.

Rohatinski umgibt eine Aura der Integrität, die auch im persönlichen Gespräch erfahrbar wird. Zwar trübt in seinem Büro der dicke Zigarettenqualm mitunter den Durchblick. Es lichten sich aber die Nebel, wenn der promovierte Ökonom die wirtschaftlichen Herausforderungen seines Landes skizziert, diese in ihren historischen Rahmen stellt und er dabei auch keinesfalls mit scharfer Kritik am politischen Personal spart. Er weiss, dass die Verteidigung geldpolitischer Unabhängigkeit den Mut zur Konfrontation bedingt. So arbeitete Rohatinski nach dem Studium während 17 Jahren im jugoslawischen Planungsbüro – in einer Zeit, als die Notenbank sich noch dem Diktat des Staatsbudgets und der öffentlichen Investitionspläne unterzuordnen hatte.

Im kommenden Juli wird sein zweites sechsjähriges Mandat als Notenbankchef ablaufen. Ob er für eine dritte Amtsdauer antreten wird, lässt er offen. Man solle niemals «nie» sagen, meint er lakonisch. Die Begründung für eine allfällige Wiederkandidatur fällt dabei sehr defensiv aus. So diagnostiziert der Notenbankchef eine wachsende Gefahr, dass sich eine Gruppe heimischer Ökonomen und Politiker der kroatischen Geldpolitik zu bemächtigen versuche, um diese mittels lockererer Kreditvergabe und einer Abwertung der Kuna in den Dienst der Konjunkturstimulierung zu stellen. Falls sich die Dinge weiter in diese Richtung entwickeln würden, werde er diese Bedrohung abwehren müssen.

Liebäugeln mit der Politik

Die Warnung erfolgt vor dem Hintergrund einer Geldpolitik, die primär auf einen stabilen Wechselkurs zum Euro setzt, notfalls auch mit Interventionen. Regelmässig flammt daher die Debatte auf, ob nicht eine Freigabe und eine Abwertung der Kuna für Kroatien und dessen schwache Wettbewerbsfähigkeit dienlicher wären. Rohatinski kann diesem Argument aber wenig abgewinnen, zumal Kroatiens Haushalte etwa 80% ihrer Einlagen in Fremdwährungen halten und auch die Kreditvergabe schwergewichtig in ausländischen Devisen erfolgt. In einem derart stark euroisierten Land sei ein stabiler Wechselkurs notwendig für ein stabiles Finanzsystem. Das sei auch in den Jahren des Booms der Fall gewesen, als die Kuna aufgrund der hohen Kapitalzufuhr – anders als heute – zur Aufwertung neigte.

Angesichts der hohen Popularität, die Rohatinski geniesst, überrascht es nicht, dass seit Jahren diverse politische Parteien um die Gunst des Gouverneurs werben, so auch vor der Parlamentswahl vom Sonntag. Der Umworbene hat dabei Spekulationen über einen Wechsel in die Politik mit ambivalenten Aussagen oder Treffen mit Parteichefs oft selbst beflügelt. Im Gespräch betont er jedoch, kein Interesse an einer Mitarbeit in der neuen Regierung zu haben. Das entbindet ihn aber nicht davon, die Regierung zu mehr Tempo zu mahnen, namentlich beim Abbau des Haushaltdefizits; geschehen müsse dies angesichts der allzu hohen Steuerlast primär über Ausgabensenkungen.

Trotz Kokettieren mit einem Wechsel in die Politik sucht Rohatinski nicht das Scheinwerferlicht. Vielmehr meidet er öffentliche Veranstaltungen und gibt nur selten Interviews. Ein Grund hierfür dürfte sein Stottern sein; der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder tut sich mit Reden schwer, er gilt als verschlossen und als Einzelkämpfer. Selbst Personen, die jahrelang mit ihm zusammengearbeitet haben, gestehen ein, den passionierten Schachspieler, der als gewiefter Stratege gelobt wird, nicht wirklich zu kennen. Allenfalls ist es solche Zurückgezogenheit, die in einem Land, in dem allzu viele Politiker ihren Leistungsausweis an der Anzahl Fernsehauftritte bemessen, verantwortlich ist für den hohen Rückhalt des stillen und seriösen Schaffers.


Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.

Keine Leserkommentare

 

Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.

Artikel weiterleiten

Erfolgreicher Spielverderber

Wirtschaft im Gespräch: Zeljko Rohatinski – Kroatiens weitsichtiger Zentralbankchef

Wer inmitten eines rauschenden Festes die Gläser abzuräumen beginnt, macht sich in aller Regel keine Freunde. Zeljko Rohatinski kümmerte dies jedoch wenig, als er...

Artikel versenden als E-Mail:

Sie müssen in Ihrem Browser Cookies aktivieren, um dieses Formular zu verwenden.

Sicherheitscode

Bitte übertragen Sie den Sicherheitscode in das folgende Feld:

* Pflichtfeld

NZZexecutive: Jobsuche

Stellen für Kader und Fachspezialisten

Hier die Angebote aus Print und Online abrufen.


Stichwort: 

NZZ-Korrespondentenwelt: Schweden

Arbeiten in Schweden - Von der Schwierigkeit, nicht in Pension zu gehen

Arbeitskraft: Die Garderobe

Arbeitsrecht: Lohnrückforderung

NZZ EXECUTIVE: Job Angebote von

Credit Suisse Jobs auf NZZexecutive.ch

Berufswelt: Weintechnologe

Wortgut: Führen

Wortgut - Grosser Markt für Management-Weiterbildung

Forschung: Knowledge-Hiding

Aus der HRM-Forschung - Produktivitätsbremse Knowledge-Hiding