21. November 2011, Neue Zürcher Zeitung
Im Land der Pyjamas
Wirtschaft im Gespräch: Wie Felix Sulzberger die Firma Calida wieder auf Kurs brachte
nrü.
Grund, stolz zu sein, hat Felix Sulzberger, Chef der Calida-Gruppe, durchaus. Immerhin feiert das Traditionsunternehmen seinen 70. Geburtstag sowie den Aufstieg von einer kleinen Näherei zu einer europaweit bekannten Wäsche- und Lifestyle-Marke. Sulzberger hat die Geschicke des Unternehmens in den zurückliegenden zehn Jahren gelenkt, und der jüngste Leistungsausweis der Firma spricht durchaus für ihn: Während die schweizerische Textil- und Bekleidungsbranche seit langer Zeit in einer tiefgreifenden Strukturkrise steckt, konnte die Führungsmannschaft von Calida sowohl für 2010 als auch für das zurückliegende Halbjahr, trotz anhaltender Frankenstärke und der einsetzenden konjunkturellen Abkühlung, solide Wachstums- und Ertragszahlen präsentieren. Dabei gab es in der jüngeren Unternehmensgeschichte durchaus auch grössere Rückschläge zu beklagen – so in den 1990er Jahren. Das Unternehmen hatte damals den Trend zur Globalisierung verschlafen und zu wachsen aufgehört, während es gleichzeitig unter einem hohen Geldabfluss, Schulden sowie einem verstaubten Image litt. Es ging dabei ums nackte Überleben.
Langwierige Gesundung
Ob man das grosse Gebäude am Eingang des Areals gesehen habe, fragt Sulzberger die Interviewerin. Es handle sich um die ehemalige Strickerei. Calida habe noch Anfang der 1990er Jahre für grosse Investitionen eine Strickerei aufgebaut, zu einer Zeit, als die meisten Produzenten seit längerem extern einkauften. Sulzberger wusste bei seinem Stellenantritt, dass die Lage bei Calida ernst war, doch die Möglichkeit, eine mittelständische Firma neu zu positionieren, habe ihn gereizt. Die Gesundung von Calida war jedoch ein langer Prozess. Drei von vier Produktionsstätten mussten geschlossen werden, die Strickerei wurde ausgelagert, und stattdessen setzte Calida auf Allianzen mit den Produzenten, was die Flexibilität des Konzerns erhöhte.
Am Hauptsitz in Sursee stehen heute keine Maschinen mehr. In den Hallen der alten Fabrik arbeiten unter anderem Designer, Produktemanager, Materialeinkäufer, technische Entwickler, Marketingspezialisten und Supply-Chaine-Manager. Gefertigt wird in Ungarn und Tunesien, wo sich die beiden Fabriken des Unternehmens befinden, sowie teilweise in Asien. Die Calida-Gruppe hat nicht nur die Beschaffung sowie die Produktion ausgelagert, sondern ist auch gleichzeitig mit eigenen Läden verstärkt in den Verkauf vorgestossen – eine Strategie, die gemäss Sulzberger vor zehn Jahren einem Paradigmawechsel entsprach. Während die Calida-Pyjamas und -Unterwäsche früher ausschliesslich über den Fachhandel und Warenhäuser vertrieben wurden, besitzt das Unternehmen heutzutage über 80 eigene Boutiquen.
Gleichwohl hat Sulzberger bei Calida auch Rückschläge erlitten – so im Zusammenhang mit der im Jahr 2005 übernommenen französischen Luxus-Lingerie-Marke Aubade. Die Übernahme zog nämlich eine mehrjährige Restrukturierungsphase sowie Abschreibungen in zweistelliger Millionenhöhe nach sich. Gleichzeitig litt die Luxusmarke besonders stark unter dem durch die Finanzkrise verursachten einsetzenden Nachfrageeinbruch. Im Nachhinein hat sich die Akquisition der «Lingerie de séduction» aber als ein erfolgreicher Schachzug herausgestellt. Aubade gilt heute nicht nur als Wachstumspfeiler des Unternehmens. Wie Sulzberger ausführt, hat die Übernahme der Calida-Gruppe auch dazu verholfen, aus ihrem «deutschsprachigen Concon» herauszufinden und sich als internationales Unternehmen zu etablieren.
Ein Marken-Mensch
Zugute kam Felix Sulzberger bei seinem Einstieg bei Calida seine langjährige Markenerfahrung. Von 1976 bis 1986 begleitete der gebürtige Berner, der an der Universität Graz Ökonomie studiert hat, verschiedene Marketing- und Managementpositionen bei Philip Morris. Danach war er im Management des Blue-Jeans-Herstellers Levi Strauss tätig, leitete anschliessend das Europa-Geschäft des Textilunternehmens Fruit of the Loom und stiess im Jahre 2000 als Senior Vice President und General Manager Europa zum amerikanischen Sportartikelkonzern Reebok. Er sei schon immer ein Marken-Mensch gewesen, sagt Sulzberger, und er fühle sich wohl, wenn er sich mit einem Produkt identifizieren könne.
Seinen Führungsstil umschreibt der mittlerweile Sechzigjährige mit den Stichworten «Übertragung von Verantwortung», wobei er sich in Problemfällen auch als hartnäckiger Mikro-Manager erweisen könne. Im Laufe der Jahre habe er ausserdem gelernt, einen Entscheid zu überschlafen. Als spontaner Mensch sei die Gefahr von Fehlentscheiden sonst zu gross, meint der geschiedene Familienvater.
Als Sulzberger für den Chefposten von Calida angefragt wurde, hatte er jedenfalls nicht sogleich zugesagt. Seine damalige Stelle bei Reebok, wo er die Verantwortung über einen Umsatz von 1 Mrd. € trug, gefiel ihm, und die Vorstellung, ein mittelständisches Unternehmen zu leiten, das fünfmal kleiner war, schreckte ihn zunächst eher etwas ab. Dass er sich gleichwohl für Calida entschieden habe, bezeichnet Sulzberger jedoch heute als einen der besten Entschlüsse seiner Karriere.
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Senior Entwicklungs-ingenieur
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