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20. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung

Weniger Risiken für Banken

Wirtschaft im Gespräch: Die Bilderbuchkarriere des Bankers Frédéric Oudéa

Frédéric Oudéa, CEO der französischen Universalbank Société Générale (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Frédéric Oudéa, CEO der französischen Universalbank Société Générale (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

bau. Genf

Seine private Leidenschaft gilt den Stillleben der flämischen Meister. Nicht, dass Frédéric Oudéa, der Patron der französischen Universalbank Société Générale, selber Gemälde sammelte. Er besitze kein einziges Stillleben dieser Schule, bekennt er offen, denn für die Werke, die ihm besonders gut gefielen, fehle ihm das Geld. Der 48-jährige Oudéa ist Betrachter und Deuter zugleich. Er mag die virtuos konstruierten Bilder nicht nur ihrer ästhetischen Qualitäten, sondern auch ihres symbolischen Gehalts wegen. Ihn fasziniert, dass hinter der materiellen Fassade gemalter Gegenstände immer auch eine tiefere Bedeutung steckt. Offenbar genügten materielle Werte den holländischen Malern nicht, sie wollten zeigen, dass der Mensch ebenso eine andere, religiöse Dimension brauche. Das gelte auch für die heutige Zeit, doziert Oudéa in ruhigem, überlegtem Ton.

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Ein neues Bankenmodell

Im Berufsleben stehen bei Banker Oudéa allerdings Schaffung und Erhalt rein materieller Werte im Vordergrund. Steil war sein bisheriger Werdegang. 2008, mit 44 Jahren, wurde er – im Gefolge des Skandals um den Händler Kerviel – zum Generaldirektor der Société Générale ernannt. 2009 stieg er bereits zum CEO auf, eine Karriere, die ihresgleichen sucht. Seither ist die Schaffung einer für alle Unwetter gewappneten Bank seine Obsession.

Das Modell, das ihm vorschwebt, ist dasjenige einer «banque moins risquée», eines Geldinstituts, das weniger Risiken eingeht und diese zudem umsichtig verwaltet. Heutzutage müssten die Banken über mehr Kapital verfügen, um die reglementarischen Auflagen zu erfüllen. Sicherere und resistentere Unternehmen seien gefordert. Die Banken in Frankreich hätten die letzte Krise besser verkraftet als anderswo. Keine französisches Institut sei verstaatlicht und die punktuelle Unterstützung für die Banken sei vollumfänglich zurückbezahlt worden.

Es sei die Rolle der Bank, die Wirtschaft zu unterstützen, heisst es im neuen Leitbild der Société Générale. Die wiederentdeckte Nähe zur Realwirtschaft entspricht der Gedankenwelt ihres CEO. Seit der letzten Krise sei der Finanzsektor als Ganzes in der Öffentlichkeit in Verruf geraten. «Die Banken müssen ihr Image wieder aufbauen und zeigen, dass sie ihre Rolle verantwortungsbewusst wahrnehmen», sagt Oudéa. Dabei dürfe man nicht vergessen, dass die Banken seines Landes trotz Krise weiter Private und Unternehmen finanziert hätten; 2011, betont er, habe das Kreditvolumen der französischen Banken um mehr als 5% zugenommen.

Aussenstehende schätzen an Oudéa, dem Sprössling einer französischen, ursprünglich aus Ungarn stammenden Ärztefamilie, das Profil des klassischen Bankers. Auf seinem Werdegang pervertierte er nicht zum Finanzjongleur. Seine Studienzeit verbrachte er an zwei soliden Eliteuniversitäten, wo Frankreichs Kader geschliffen werden und Netzwerke entstehen. Zuerst besuchte er die Ecole polytechnique, dann die Ecole nationale d'administration, die er schon mit 24 Jahren abschloss. Es folgte ein Zwischenspiel in der Verwaltung als Finanzinspektor. 1993 kreuzten sich die Wege von Oudéa und Sarkozy, als dieser Budgetminister war und jener ihm Berichte zur Sozialpolitik zuschaufelte. 1995 stiess er zur Société Générale, für die er in London das Corporate Banking führte und in Paris am Aufbau des Informatiksystems für das Backoffice mitwirkte. 2003 gelang der erste Karrieresprung. Er avancierte zum CFO der Société Générale.

Lob für die EZB

Heute ist Oudéa, ein passionierter Skifahrer, Fussball- und Tennisspieler, nicht nur Chef der französischen Bank. Ende 2010 wurde er Mitglied des Institute of International Finance, der Lobby-Organisation der wichtigsten Banken der Welt. Dort präsidiert er seither den Ausschuss, der sich mit Fragen der Bankenregulierung beschäftigt. Seine Gesprächspartner sitzen nicht selten in Basel bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Der Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) vom letzten Jahr, den Banken Liquidität zuzuführen, sei von fundamentaler Bedeutung gewesen, um die Lage im Finanzsektor zu entspannen. Damit sei in Europa ein Kreditengpass verhindert worden. Angesichts der Unsicherheit in der Euro-Zone hätten die Banken Mittel für längerfristige Verpflichtungen in die Hand bekommen, und die Spreads seien gesunken. Die Bankenregulierung verbiete es ausdrücklich, dass Langfristiges mit Kurzfristigem finanziert werde, denn dies gefährde die Stabilität des Systems. Generell steht das weltweite Bankensystem in den Augen Oudéas heute besser da als noch vor einem Jahr, weil kräftig Reserven aufgebaut wurden und die extremsten Befürchtungen der Märkte gegenüber den europäischen Banken nachgelassen hätten. Für Griechenland gelte es, eine «geordnete Lösung» zu finden, um der Gefahr einer Infizierung anderer Länder vorzubeugen.

Gegenüber einer Steuer auf Finanztransaktionen zeigt sich Oudéa skeptisch. Man müsse alles unternehmen, um Kapital nach Europa zu bringen und es nicht zu verscheuchen. Falls diese Steuer komme, dann müsse sie international sein und unter allen Umständen den Finanzplatz London einschliessen, sagt Oudéa.


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