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6. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung

Vom Backoffice an die Spitze

Wirtschaft im Gespräch: Marianne Wildi – eine Passion für die «Hypi» Lenzburg

Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

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Die Hypothekarbank Lenzburg, im Volksmund besser als Hypi bekannt, ist eine in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Regionalbank. Seit ihrer Gründung 1868 setzt sie konsequent auf Eigenständigkeit. Sie ist weder Mitglied der RBA Holding, einer Gemeinschaftsorganisation für rund 40 Regionalbanken, noch unterhält sie Kooperationen mit anderen Instituten. Sie setzt seit je auf organisches Wachstum im Hypothekargeschäft, ihrem weitaus bedeutendsten Ertragspfeiler. Zurzeit vertrauen ihr Kunden mehr Gelder an, als sie in Form von Hypotheken weitergibt. Oder anders ausgedrückt: Die Bank fährt eine vorsichtige Kreditpolitik, baut ihre Liquidität aus, kontrolliert die Risiken. Akquisitionen waren nie ein Thema und werden es auch künftig nicht sein.

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Eigenständig und unabhängig

So aussergewöhnlich wie die Hypi selbst ist Marianne Wildi, die Frau an der operativen Spitze der Bank. Unprätentiös im Benehmen, selbstbewusst im Auftritt, entschlossen in der Sache – die einzige Spitzenfrau einer kotierten Schweizer Bank hat Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, seit bald 150 Jahren die Erfolgsfaktoren der Regionalbank, längst verinnerlicht und lebt sie vor.

Dabei hat im früheren Leben von Wildi kaum etwas auf eine Bankkarriere hingedeutet. Kurz vor dem Abschluss der Mittelschule in Aarau erkundigte sich Wildi, die eigentlich gerne als Hotelreceptionistin oder Polizistin in das Berufsleben gestartet wäre, auf gut Glück bei der Hypothekarbank Lenzburg nach einer Stelle. Eine solche fand sich in der Informatik, nicht zuletzt weil dort «Theoretiker» ohne berufliche Praxis willkommen waren.

In der Folge lernte Wildi das Bankgeschäft aus der Perspektive eines Programmierers, Projektleiters, Entwicklungsleiters und schliesslich als Leiterin des Geschäftsbereichs Informatik und Mitglied der Geschäftsleitung kennen. Parallel dazu rundete sie ihre Ausbildung ab. Während ihre Geschäftsleitungskollegen gleichsam für die Kunden und damit für die Erträge verantwortlich waren, produzierte sie als oberster Backoffice-Mitarbeiter der Bank in erster Linie Kosten. Und das tat sie mit viel Mut zur Selbständigkeit: Anders als andere Informatikspezialisten sprach sich Wildi nicht für eine standardisierte IT-Plattform aus, sondern setzte – und setzt immer noch – auf Eigenentwicklungen. In einem nicht besonders komplexen Geschäft wie dem Banking lohne es sich nicht, teure Gesamtlösungen einzukaufen und von externen Zulieferern abhängig zu werden. Solche Lösungen können aus der Sicht von Wildi nicht die Zukunft sein, weil sie zu wenig modular sind, unnötigen Ballast mitschleppen und der Bank die Kontrolle über die IT-Entwicklung entziehen. Zudem schränken sie im Urteil von Wildi die Flexibilität ein und verzögern die Anpassungsprozesse. Kurzum: Ein Credo der Hypi-Chefin lautet, dass man als Bank den Mut haben muss, die Probleme selbst zu lösen. Dass diese dezidierte Haltung Früchte trägt und die Bank betrieblich effizient arbeitet, zeigt etwa das Kosten-Ertrags-Verhältnis von zuletzt 47%. Für eine kleinere Universalbank mit einer Bilanzsumme von 4 Mrd. Fr., die nicht einmal den Zahlungsverkehr ausgelagert hat, ist das ein sehr guter Wert, der den Vergleich mit den fittesten Konkurrenten aushält.

Die Freude, komplexe Probleme anzugehen, sie von allen Seiten zu beleuchten und in ihre Einzelteile zu zerlegen, mögliche Lösungen herauszuarbeiten und sie dann im Bankenalltag umzusetzen – das ist es, was Wildi nach rund 28 Jahren Betriebszugehörigkeit immer noch fasziniert. Der Umstand, dass sie, wie keine andere Person in der Bank, die Abläufe, Prozesse und Kostenstrukturen der Hypi kennt, hat ihr den Weg an die Spitze geebnet. Im Oktober 2009 avancierte sie, nach einem abrupten Abgang an der Spitze, ad interim zur Vorsitzenden der Geschäftsleitung. Zusammen mit zwei langjährigen Geschäftsleitungskollegen sollte sie die Bank so lange auf Erfolgskurs halten, bis ein definitiver Nachfolger gefunden sein würde. Anfang 2010 wählte der Verwaltungsrat Wildi definitiv zur obersten Chefin. Aussergewöhnlich an dieser Nomination ist, dass sich die IT-Spezialistin durchgesetzt hat, obwohl sie, anders als ihre Mitbewerber, nie im Kundengeschäft tätig war.

Eine Art Familie

Offenbar wogen andere Qualitäten diesen Nachteil auf. Wildi ist ein unkomplizierter, hellwacher Kopf, der unbefangen an die Sache herangeht und unkonventionelle Wege geht. Obwohl sich die Spitzenfrau nicht als detailbesessene Chefin sieht und die konkrete Umsetzung von Lösungen an ihre Mitarbeiter delegiert, behält sie doch gerne den Überblick. Sie verlangt grossen Einsatz, akzeptiert keine Ausreden, versteht sich als Unternehmerin, die die Bank so führt, wie wenn es ihr eigenes KMU wäre – und sie kann sich nicht vorstellen, anderswo zu arbeiten. Die Hypi nimmt in ihrem Leben, so der Eindruck, sehr viel Raum ein, ist so etwas wie eine Familie geworden, so dass für anderes wenig Raum bleibt. Nach ihren Schwächen befragt, nennt Wildi nach langem Zögern die Ungeduld und die Angst, sich eine Blösse zu geben. Nicht zuletzt deshalb sträubte sie sich gegen das Assessment, das sie als Kandidatin für den Chefposten durchlaufen musste. Wie sich gezeigt hat, war diese Angst völlig unbegründet.


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