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12. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung

Auf dem Sprung

Wirtschaft im Gespräch: Thomas Enders vor der Kür zum EADS-Konzernchef

Thomas Enders, per Juli 2012 EADS-Konzernchef (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Thomas Enders, per Juli 2012 EADS-Konzernchef (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

ske. Paris

Thomas Enders hat es eilig. Federnden Schrittes eilt er an Pferdestatuen, plätschernden Brunnen und üppigen Blumenkisten vorbei durch die Lobby seines Fünfsternehotels Al Qasr zum Jumeirah-Strand hinunter. Mit seinem weissen Sporthemd, den verwaschenen Bluejeans und den Sportschuhen unterscheidet er sich nur marginal von den mit Shorts und Badeschlappen durch die Anlage schlurfenden Touristen. Am Meer angekommen, zieht er die Badehose an und stürzt sich ins warme Wasser des Persischen Golfs.

Ein Soldat geblieben

Doch Enders ist nicht zum Vergnügen hier in Dubai. Der Chef des Flugzeugbauers Airbus, der im Juli 2012 Konzernchef von dessen Muttergesellschaft, dem deutsch-französischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, werden soll, hat drei mit Terminen randvoll gefüllte Tage am Luftfahrtsalon von Dubai hinter sich. Nicht weniger als 211 Bestellungen hat Airbus eingefahren und steuert in diesem Jahr einen neuen Verkaufs- und Produktionshöchststand an. Der Major der Reserve der Bundeswehr soll zwar im Januar vom EADS-Verwaltungsrat zum obersten Manager eines Milliardenkonzerns nominiert werden und kommt schon heute auf ein Jahreseinkommen von 2 Mio. €. Doch irgendwie ist er Soldat geblieben. Der 52-Jährige ist leidenschaftlicher Fallschirmspringer und absolviert etwa 20 Sprünge im Jahr.

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Nach einer Station im deutschen Verteidigungsministerium wechselte er zur Rüstungssparte von Daimler, der Dasa, die im Jahr 2000 mit der französischen Aérospatiale/Matra zur EADS verschmolzen wurde. Enders war dort zunächst für das Verteidigungsgeschäft verantwortlich, wurde dann Co-Chef der EADS und schliesslich 2007 Airbus-Chef. Das war ein Himmelfahrtskommando. 2007 hätten ihm den Job bei Airbus nicht viele zugetraut, sagt der intern von vielen Major Tom genannte Deutsche. Als er den Posten antrat, war der Flugzeugbauer von Grabenkämpfen zwischen Franzosen, aber auch zwischen Franzosen und Deutschen, zerrissen. Die Produktion des Grossraumflugzeuges A380 steckte in einem Kabelsalat fest, die Kosten explodierten. Das ist Vergangenheit. Zwar gibt es Verzögerungen bei dem neuen Langstreckenflugzeug A350. Doch die anderen Programme laufen gut.

Doch der Boss der EADS sei der EADS-Konzernchef. Und das soll künftig er sein. Er soll für seinen neuen Job freie Hand und mehr Kompetenzen gegenüber den Chefs der einzelnen Tochtergesellschaften verlangt haben. Dass er kaum Französisch spricht, sollte kein Hindernis sein. Umgekehrt kann auch kaum ein französischer Spitzenmanager des deutsch-französischen Luft- und Raumfahrtkonzerns Deutsch. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn alle Franzosen im Konzern vernünftig Englisch sprächen, so wie er selbst, der es fast akzentfrei beherrscht.

Sein Weg an die Spitze war weit. Enders ist Sohn eines Schäfers aus dem Westerwald. Geld habe die Familie nicht viel gehabt. Seine Eltern liessen alle vier Kinder Abitur machen. Mit staatlichem Darlehen, Studenten-Jobs und einem Stipendium konnte Enders Wirtschaftswissenschaften sowie Politik- und Geschichtswissenschaften studieren, in Bonn und in Los Angeles. Politisch stand er zunächst den Sozialdemokraten, der SPD, nahe. Doch wegen deren Haltung zur Nachrüstung, die er befürwortete, trat er Anfang der achtziger Jahre in die CDU ein. Später wechselte er zur CSU, die er kürzlich wegen deren Haltung im Libyen-Krieg und zum Atomausstieg verliess.

Enders ist diszipliniert. Etwa 250 Tage im Jahr ist er unterwegs, stets nur mit einem Anzug im Handgepäck, den er sich notfalls bügeln lässt. Sonst wohnt er unter der Woche in einer Dienstwohnung in Toulouse. Er stehe um fünf Uhr auf, bereite sich auf den Tag vor und schreibe Mails. Dann gehe er Joggen, dusche und fahre ins Büro. Auch auf Reisen verzichtet er nie auf den morgendlichen Jogging-Lauf, ob am Strand von Dubai oder irgendwo in China. Am Wochenende pendelt er an den Tegernsee bei München, wo seine Frau mit den vier Söhnen wohnt.

Offen und direkt

Mit seiner offenen und direkten Art und seiner Kritik an den staatlichen Aktionären sowie deren Einflussnahmen eckt Enders öfters an – in Paris, aber auch in Berlin oder beim deutschen Aktionär Daimler. Diplomatie könne man von ihm nicht erwarten, stellt er klar. Enders sagt (meist), was er denkt, und tut, was er für richtig hält. Seine direkte Art hat ihm bisher nicht geschadet. Wie viele andere Beschäftigte hatte er im November 2005 einen Teil seiner EADS-Aktien verkauft. Einige Monate später wurden massive Verspätungen beim A380 bekannt. Der Aktienkurs rauschte in den Keller. Im Zusammenhang mit den Verhörmethoden der französischen Justiz, die wegen des Verdachts von Insidergeschäften ermittelte, sprach Enders von «Schauprozessen».

Um die EADS effizienter zu machen und mehr räumliche Distanz zu den Regierungen zu schaffen, will Enders die Integration von Airbus in die EADS vorantreiben und den doppelten Firmensitz in Paris und München nach Toulouse verlegen. Das dürfte nicht ohne Friktionen abgehen.


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