Direkte Links und Access Keys:

19. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung

Perfektion als Tradition

Wirtschaft im Gespräch: Thierry Stern über die DNA der Manufaktur Patek Philippe

Tierry Stern, Chef der Manufaktur Patek Philippe (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Tierry Stern, Chef der Manufaktur Patek Philippe (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

Andrea Martel

«Wir haben unserem Wachstum Grenzen gesetzt.» Solche Worte sind in der Schweizer Uhrenindustrie selten zu hören. Aber Thierry Stern, der die Manufaktur Patek Philippe seit zwei Jahren in vierter Generation führt, meint es ernst. Angesichts des rasanten Wachstums der Branche habe die Firmenleitung die strategischen Ziele des Unternehmens neu diskutiert. Dabei sei das Gremium zum Schluss gelangt, dass es weiterhin das oberste Ziel sei, qualitativ hochstehende Uhren herzustellen. Und weil Quantität oft der Feind der Qualität sei, habe man beschlossen, die Zahl der Mitarbeiter zu begrenzen. Auf wie viele, sage er nicht, aber die Zahl liege nicht weit über dem jetzigen Wert von 2000 Angestellten.

Anzeige:

Kein Zahlenmensch

Der Entscheid passt zum 172 Jahre alten Familienunternehmen, das dank einer rigorosen Nachfolgeregelung – die Aktien gehen jeweils zu 100% an dasjenige Familienmitglied über, das die Firma übernimmt – keinerlei kurzfristige finanzielle Interessen externer Aktionäre zu befriedigen hat. Nicht, dass eine Beschränkung der Produktion dem Geschäft per se abträglich wäre: Der Hauch des Exklusiven, welcher der Nobelmarke seit je anhaftet, hängt auch mit der vergleichsweise bescheidenen Jahresproduktion von mittlerweile 45 000 Uhren zusammen. Aber Stern will es sich bewusst leisten, auch auf Opportunitäten zu verzichten, zugunsten beispielsweise einer überschaubaren Zahl von Mitarbeitern.

Hinzu kommt, dass das Unternehmen in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen ist. 1977, als Thierrys Vater Philippe das Ruder übernahm, arbeiteten 150 Leute für Patek; vor 2 Jahren, als Thierry nach 20 Jahren im Unternehmen zum Präsidenten aufstieg, waren es 1800 in der Schweiz. Die mittlerweile doch beachtliche Grösse des Betriebs, der bis auf ganz wenige Komponenten alles selber herstellt, war auch der Grund, weshalb Thierry Stern nicht die gesamte operative Führung übernommen hat. Sein Vater und er hätten beide realisiert, dass es besser sei, diese Aufgabe in die Hände eines familienexternen Generaldirektors zu legen.

Dies gelte umso mehr, als er selber kein Zahlenmensch sei, meint Stern. Was ihn fasziniere, sei vielmehr die Gestaltung neuer Uhren, weshalb er lange die Kreativabteilung des Hauses geleitet habe. Auch heute, da seine Frau Sandrine, die er vor 15 Jahren bei Patek kennengelernt habe, diese Position innehabe, werde keine Uhr hergestellt, die ihm nicht gefalle – ausser im Fall der Damenuhren, wo er sich auf den guten Geschmack seiner Frau verlassen müsse.

Dass Sterns Leidenschaft beim Produkt liegt, wird im Gespräch rasch deutlich. Dann kommt der 41-Jährige, der zwischen der Handelsschule und dem Eintritt ins Familienunternehmen selber eine verkürzte Uhrmacherausbildung durchlaufen hat, so richtig in Fahrt. Die in der Firma seit je gelebte Freude an der Uhrmacherkunst ist auch ein wichtiger Grund für die breite Kollektion von Patek Philippe. Laut Stern bringt das Haus jedes Jahr rund 20 Neuheiten auf den Markt. Dies sei zwar aufwendig und verkompliziere das Leben, aber es sei ein Luxus, den man sich gerne leiste.

Auch die Kundenpflege ist für Stern Chefsache. Um die rund 460 in aller Welt ansässigen Händler zu besuchen, reist er viel herum. 660 Stunden habe er 2010 im Flugzeug verbracht und dieses Jahr dürften es ähnlich viele sein, schätzt der Vater zweier Söhne (8 und 10 Jahre alt), der gerne mehr Zeit mit seiner Familie in den Bergen oder auf dem Genfersee verbringen würde, sei es beim Wandern und Skifahren oder beim Segeln, Windsurfen oder Wasserskifahren. Aber der Effort zahle sich aus: In den USA, dem wichtigsten Absatzmarkt, sei man trotz dem heftigen Einbruch von 2008/09 fast wieder auf Vorkrisenniveau.

Nicht eben dem «Mainstream» entspricht auch die Strategie des Unternehmens mit Blick auf China. Der Verkauf in dem aufstrebenden Markt habe für ihn keine Priorität, erklärt Stern. China sei der letzte Markt, der bei Patek dazugekommen sei, und diesen wolle man nicht auf Kosten der Kundschaft aus Europa und Amerika bedienen, zumal bei gewissen Modellen die Nachfrage sowieso kaum befriedigt werden könne.

Oberste Priorität beim Service

Zwei Geschäfte hat allerdings auch Patek Philippe in China eröffnet, wobei dort weniger der Verkauf im Vordergrund steht als der Kundenservice für die vielen Chinesen, die in der Schweiz oder anderswo ausserhalb ihres Landes eine Uhr gekauft haben. Dieses Vorgehen habe die Reputation der Firma noch gestärkt, ist Stern überzeugt, weil es gezeigt habe, dass man seriös sei. Das nächste Ziel sei, in China eine eigene Uhrmacherschule zu eröffnen, um vor Ort Patek-Philippe-Uhrmacher auszubilden.

An der Genfer Rue du Rhône, wo auch das Hauptgeschäft von Patek Philippe liegt, werden laut Stern rund sechs von zehn Uhren an Chinesen verkauft. Bei Patek sei man bestrebt, diese Verkäufe etwas zu beschränken: Wenn jemand komme und etwa drei ewige Kalender wolle, versuche man ihm klarzumachen, dass er nur eine dieser seltenen Uhren haben könne. Hilfreich sei dabei die Tatsache, dass viele komplizierte Modelle nicht sofort lieferbar seien. Der chinesische Tourist, der in der Schweiz eine Uhr kaufen wolle, sei in der Regel nicht bereit zu warten. Lieber kaufe er dann etwas anderes.


Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.

Keine Leserkommentare

 

Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.

Artikel weiterleiten

Perfektion als Tradition

Wirtschaft im Gespräch: Thierry Stern über die DNA der Manufaktur Patek Philippe

«Wir haben unserem Wachstum Grenzen gesetzt.» Solche Worte sind in der Schweizer Uhrenindustrie selten zu hören. Aber Thierry Stern, der die Manufaktur Patek...

Artikel versenden als E-Mail:

Sie müssen in Ihrem Browser Cookies aktivieren, um dieses Formular zu verwenden.

Sicherheitscode

Bitte übertragen Sie den Sicherheitscode in das folgende Feld:

* Pflichtfeld

NZZexecutive: Jobsuche

Stellen für Kader und Fachspezialisten

Hier die Angebote aus Print und Online abrufen.


Stichwort: 

NZZ-Korrespondentenwelt: Schweden

Arbeiten in Schweden - Von der Schwierigkeit, nicht in Pension zu gehen

Arbeitskraft: Die Garderobe

Arbeitsrecht: Lohnrückforderung

NZZ EXECUTIVE: Job Angebote von

Credit Suisse Jobs auf NZZexecutive.ch

Berufswelt: Weintechnologe

Wortgut: Führen

Wortgut - Grosser Markt für Management-Weiterbildung

Forschung: Knowledge-Hiding

Aus der HRM-Forschung - Produktivitätsbremse Knowledge-Hiding