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23. Januar 2012, Neue Zürcher Zeitung

Mission Hongkong-Connection

Wirtschaft im Gespräch: Christian Reuss führt die Derivatebörse Scoach nach Asien

Christian Reuss, Chef der Scoach (Bild: CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Christian Reuss, Chef der Scoach (Bild: CHRISTOPH FISCHER)

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Für Christian Reuss war Freitag, der 13., in diesem Januar tatsächlich ein Unglückstag. Von den technischen Problemen der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange war auch die deutsch-schweizerische Derivatebörse Scoach betroffen, deren Manager er ist. Weil ein kleiner Teil der Kunden keine Aufträge in das System einspeisen konnte, wurde der gesamte Handel mit drei Stunden Verspätung gestartet. Derlei Pannen können für die Besitzer von Hebelprodukten und Optionsscheinen sehr ärgerlich und teuer sein, da sie nicht handeln können, wenn sie es wollen. Doch an jenem Freitag verhielten sich die Märkte ruhig, so dass es zu keinen grösseren Kollateralschäden gekommen sein sollte. Bösartige Kritik habe es jedenfalls keine gegeben, sagt der Deutsche, der seit 2009 bei der Tochtergesellschaft von SIX Group und Deutscher Börse arbeitet.

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Harte Landung

Abgesehen von kleineren ärgerlichen Ereignissen wie am besagten Freitag verlief die Karriere von Christian Reuss ausserordentlich glücklich. Mit nur 33 Jahren wurde er zum Chef von Scoach ernannt und pendelt seither zwischen den Standorten Zürich und Frankfurt. Knapp drei Jahre später dürfte er immer noch einer der jüngsten Chefs eines Börsenbetreibers auf der Welt sein. Begonnen hat Reuss seine Karriere in Frankfurt bei der Investmentbank Goldman Sachs, die eine wahre Kaderschmiede für Führungspersonal ist, wie sich an der Besetzung von Stellen bei Schweizer Banken sehen lässt. Bei den «Goldmännern», bei denen er zuvor ein Praktikum absolviert hatte, wurde der stets freundliche, offene und gut aufgelegte Hesse in die Welt der Derivate für institutionelle Kunden eingeführt.

Während Reuss privat derzeit auf Wolke sieben schwebt, weil er im März mit seiner – nach einer Trennung wiederentdeckten – Jugendliebe Heike die zweite Tochter erwartet, fällt er mit dem Derivategeschäft auf den harten Boden der Realität. Seit einem Hoch des Handelsvolumens im August sinkt die Zahl der Transaktionen wegen des schwierigen Umfeldes und der schlechten Stimmung kontinuierlich. Ursache könne eine gewisse Ermüdung der Anleger sein, sagt Reuss. Zudem befürchtet er, dass das Jahr an der Börse noch einmal holprig werden könnte. Um das Geschehen etwas anzukurbeln, bietet Scoach den Emittenten von strukturierten Produkten derzeit an, zu interessanten Konditionen Knock-out-Produkte zu lancieren, die dicht an der K.-o.-Schwelle liegen. Derlei Produkte sind aber nur etwas für gewiefte Anleger.

Seit dem Wechsel zu Scoach ist sein Kurs als Chef gestiegen. Mit der traditionell renditeschwachen deutschen Einheit hat Reuss den Turnaround fast geschafft; 2011 wurde eine schwarze Null geschrieben. Der Standort Zürich läuft ohnehin längst profitabel, und der Börsenbetreiber, der dies- und jenseits der Grenze insgesamt nur 20 Mitarbeiter beschäftigt, lancierte in den letzten Jahren einige neue Dienste.

Die seit langem angestrebte Internationalisierung des lukrativen, jedoch bisher vor allem auf den deutschsprachigen Raum fokussierten Derivategeschäfts verlief trotz gewissen Erfolgen, wie dem Anschluss von Teilnehmern aus 18 Ländern, harziger als erwartet. Doch nun soll es auf zu neuen Ufern gehen – und diese Ufer liegen in Asien. Scoach arbeitet aus Frankfurt heraus an der Anbindung der Börse Hongkong. Die Genehmigung dafür von der Hongkonger Börsenaufsicht liegt seit März 2011 vor. Derzeit werden Marktteilnehmer angeschlossen, und Emittenten kreieren die ersten Produkte. Im Verlauf des Jahres dürften dann erste Transaktionen stattfinden.

Scoach verspricht sich neben der symbolischen Wirkung, die von der Verbreitung der strukturierten Produkte in Asien ausgeht, von der Kooperation auch höhere Handelsvolumina, also letztlich mehr Einnahmen. Für die Emittenten sollte das Projekt ebenfalls attraktiv sein, da Scoach laut eigenen Aussagen flexiblere und billigere Konditionen sowie eine grössere Auswahl an Laufzeiten bietet. Hongkong und Frankfurt ergänzen sich auch deshalb gut, weil die Frankfurter Börse öffnet, wenn die Hongkonger schliesst. Dadurch verlängert sich die Geschäftszeit für asiatische Kunden, und sie können Produkte auf europäische und amerikanische Basiswerte handeln. Die Transaktionswährung wird der Hongkong-Dollar sein. Profitieren dürften auch die «routing agents», eine Art Intermediär zwischen Marktteilnehmern in Asien und der Börse in Europa.

Der inhärente Makel

Man darf gespannt sein, ob das Prestigeprojekt zu einem Erfolg wird. Doch die «Hongkong-Connection» ist nicht das einzige Projekt, das Reuss in der Pipeline hat. Der seit seiner Jugend begeisterte Schachspieler wälzt derzeit einige Ideen. Ein inhärenter Makel einer Börse für strukturierte Produkte ist jener, dass es sich nicht um eine klassische Börse handelt, sondern dass sie zum Teil einem Vertriebskanal entspricht. An der Scoach werden die Preise für die Produkte, die nicht standardisiert sind, nämlich nicht durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern die Emittenten stellen nur die Kurse für ihre Produkte. Ein Wettbewerb um die Preise gibt es im Gegensatz zur Terminbörse Eurex nicht. Vielleicht wird Christian Reuss auch dafür noch eine Lösung entwickeln.


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