27. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung
Kein Mann der Trillerpfeife
Wirtschaft im Gespräch: IG-Metall-Chef Berthold Huber – pragmatischer Krisenmanager
Jürgen Kahl
Da steht er vor der ausladenden Fensterfront und gönnt dem Besucher für einen Augenblick die imposante Aussicht, die sein Büro im 15. Stock auf Frankfurt bietet. Unten der Main. Linker Hand die Türme des Bankenviertels. Jene Welt des Finanzkapitalismus, die Berthold Huber nicht zerschlagen, aber so neu geordnet sehen will, dass die für die Realwirtschaft unentbehrlichen Finanzdienstleistungen vom Investment Banking abgekoppelt werden und die Banken die damit verbundenen Risiken künftig in vollem Umfang selbst zu tragen haben, statt sie auf die Steuerzahler abzuwälzen.
Die Kraft des Zweifels
Der Schlagschatten, den die Euro-Krise und ihre unkalkulierbaren Folgen auf das Gespräch werfen, macht fast vergessen, dass der Chef der grössten deutschen Einzelgewerkschaft ein mit sich und seiner Arbeit zufriedener Mann sein kann. Gerade erst haben die Delegierten der Industriegewerkschaft Metall den 61-Jährigen für eine zweite Amtsperiode wiedergewählt. Mit rund 15 000 Neuzugängen verzeichnet die 2,2 Mio. Mitglieder starke IG Metall in diesem Jahr zum ersten Mal nach zwei Jahrzehnten wieder einen Nettozuwachs. Und schon bevor Hubers Buch «Kurswechsel für Deutschland» 2010 erschien, war die Kritik am Shareholder-Value-Kapitalismus längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Doch dem Schwaben, der aus einem katholisch-konservativen Elternhaus stammt, liegt weder das Ich-Marketing noch der Gebrauch der Trillerpfeife, traditionell das akustische Kampfmittel der Gewerkschafter. Er sei eher ein dissidentischer Mensch, sagt Huber im Rückblick auf seine bewegte Biografie. Sie habe ihn vor allem eines gelehrt: den Zweifel. Statt Pfarrer zu werden, wozu ihn seine Eltern von Jesuiten erziehen liessen, brach er aus dem heimischen Milieu aus, lernte Werkzeugmacher und schloss sich als revolutionär gestimmter Jungtürke der IG Metall kommunistischen Gruppierungen an. Bis zu dem Erlebnis nach der Wende von 1989, das sein «nonchalantes linkes Leben» jäh beendet habe. Gleich im Anschluss an sein nachgeholtes Philosophiestudium beauftragte ihn die IG-Metall-Führung, in Sachsen die Gewerkschaft neu aufzubauen. Die Begegnung mit der Hinterlassenschaft des real existierenden Sozialismus und der Entmündigung der Arbeiterschaft reichte, so Huber, um ihn vom Irrglauben seines Lehrmeisters Karl Marx, der in der Arbeiterklasse die unbezwingbare Vorhut zur Befreiung der Gesellschaft sah, zu kurieren.
Bundeskanzlerin Merkel, die häufig das Gespräch mit dem Sozialdemokraten sucht, habe er einmal empfohlen, bei sozialpolitischen Entscheidungen nicht nur mit den Verbänden zu reden, sondern sich in den Betrieben selbst ein Bild zu machen. Er ist mit dem Grundsatz, sich kritisch mit den realen Gegebenheiten auseinanderzusetzen und auf neue Herausforderungen auch mit unkonventionellen Antworten entschieden zu reagieren, gut gefahren, selbst wenn ihm die eigenen Reihen dabei bisweilen nur zähneknirschend folgten.
Einhellige Anerkennung hat Huber der von ihm inspirierte und mit der damals regierenden grossen Koalition ausgehandelte Masterplan eingetragen, der vor allem über das verlängerte Kurzarbeitergeld verhinderte, dass es in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 zu Massenentlassungen kam. Wenn sich die ökonomischen Rahmenbedingungen verändern, sagt er, seien vermeintlich eherne Gesetze schlechte Ratgeber. Ein Bekenntnis, das den IG-Metallern eine gehörige Portion an Lernfähigkeit abverlangte. Etwa beim Pforzheimer Abkommen, das 2004 auf Betreiben Hubers zustande kam und mit dem Ziel, Beschäftigung zu sichern, ertragsschwachen Unternehmen Abweichungen vom Flächentarifvertrag ermöglichte.
Der Primat der Politik
Den Thriller «Angst», der Roman über den Finanzmarkt-Crash, hat der Bücher verschlingende Huber auf dem Nachttisch liegen, aber noch nicht gelesen, weil ihn die akuten Krisen tagsüber schon genug beschäftigen. In der Handhabung der Euro-Krise hat ihn die Kanzlerin jedenfalls nicht auf ihrer Seite. Dazu sei Merkels Bekenntnis zur europäischen Solidarität zu spät gekommen, und ihre Ablehnung von Eurobonds sei kontraproduktiv. Ebenso wenig verhehlt Huber seine Sorge darüber, wie sich ein Übergreifen der Schuldenkrise auf die Realwirtschaft auffangen lässt, wenn sich die schwarz-gelbe Regierung in Berlin schon schwer damit tue, das verlängerte Kurzarbeitergeld als Stand-by-Option beizubehalten.
Die Gewerkschaft als «Gegenmacht und Gestalter» – ein Widerspruchs-paar, mit dem Huber, der mit den Anhängern der Occupy-Bewegung ebenso selbstverständlich spricht, wie er sich mit Josef Ackermann trifft, keine Probleme hat. Wer die Gesellschaft verändern und verhindern wolle, dass das Gemeinwohl zur Geisel des Rendite-Denkens verkomme, müsse nach allen Seiten um Unterstützung werben, ohne sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Weil das, von der Einführung von Mindestlöhnen bis zur Gemeinwohlverpflichtung im Aktienrecht, ohne einen handlungsfähigen Staat nicht gelingen könne, ist die Wiederherstellung des Primats der Politik gegenüber dem Markt für ihn eines der wichtigsten Ziele. Er sagt das so beschwörend, dass es wie ein gegen den Wind gesprochener Hilferuf klingt.
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