16. Januar 2012, Neue Zürcher Zeitung
Touristischer Tausendfüssler
Wirtschaft im Gespräch: Hans Schenner ist Hotelier und Österreichs oberster Touristiker
M. K. Wien
Auf den ersten Blick wirkt Hans Schenner wie ein gemütlicher älterer Herr, der mit berechtigtem Stolz auf sein Lebenswerk blicken kann. Nun hat Schenner zwar vor kurzem das offizielle Pensionsalter erreicht, doch sein Gestaltungswille scheint ungebrochen, als Unternehmer und als Standespolitiker. Dem touristischen Tausendfüssler gehören nicht nur zwei durch 260 km Luftlinie getrennte Hotels, er ist auch geschäftsführender Gesellschafter der Skiregion Dachstein-West. Als Standespolitiker wirkt Schenner seit dem Jahr 2000 als Obmann der Bundessparte Tourismus in der Wirtschaftskammer, also als oberster Touristiker des Landes.
Verlässlicher Rahmen
Den Hotelier bekam Schenner mit der Muttermilch eingeflösst. Geboren 1946 im oberösterreichischen Salzkammergut, wuchs er im seit 1793 in Familienbesitz stehenden Landhotel Agatha-Wirt am Hallstätter See auf; er ist also «von der Pike her» Hotelier. Doch bei dem familieneigenen Hotel sollte es nicht bleiben. 1982 kaufte Schenner das Sporthotel St. Anton am Arlberg. Zwar wird das auf Mountainbiker ausgerichtete Landhaus mittlerweile von der Tochter geleitet, doch die Zügel hält der Senior in der Hand. In St. Anton gilt er mittlerweile als Einheimischer, aber zum Tiroler ist er nicht geworden, kann er doch in Bad Goisern nicht ganz loslassen. So führt Schenner neben der Skiregion Dachstein-West auch den Vorsitz im Tourismusrat Oberösterreich.
Keinesfalls alltäglich ist es, dass ein erfolgreicher Doppel-Hotelier einen allseits akzeptierten Standesvertreter abgibt. Da kommt ihm sicherlich zugute, dass er als Hotelier Sommer («Agatha-Wirt») und Winter («St. Anton») vertritt; vor allem aber hat Schenner die heterogene Basis mit der Lösung heikler Probleme überzeugt: von der Finanzierung der Österreich-Werbung bis zur Sicherung der Saisonnierkontingente. Auf seiner Agenda bleiben verpflichtende Schulskikurse sowie die Erleichterung von Betriebsübergaben im Besonderen von kleinen, sehr oft verschuldeten privaten Zimmeranbietern.
Vordringlich sind Schenner nicht Branchenbegünstigungen, sondern verlässliche Rahmenbedingungen. Natürlich sei ein niedrigerer Satz bei der Mehrwertsteuer – siehe Schweiz (3,6%) oder jetzt auch Deutschland (7%) – angenehmer, doch könne man auch mit 10% leben. Das aber sei die Schmerzgrenze. Schenner erinnert daran, dass bei (steuer)pauschalierten Betrieben das Finanzministerium 94,5% als Betriebsausgaben anerkenne. Eine Streichung des begünstigten Mehrwertsteuersatzes, wie die Industrie fordert, würde bei einer amtlich akzeptierten Umsatzrendite von 5,5% weite Teile der Branche in die roten Zahlen stossen – weil eine höhere Steuer kaum weitergegeben werden könne.
Generell laufe es aber gut im Tourismus. Die Betriebe seien mehrheitlich mit dem letzten Sommer zufrieden, zwei Drittel auch für die laufende Wintersaison optimistisch. Der Rückgang der Anteile deutscher Gäste an den Übernachtungen konnte bei 40% gestoppt werden, zudem machen Österreicher verstärkt im Inland Ferien. Auch wenn die Invasion russischer Gäste in den ersten Januar-Wochen weniger imposant sei (1,7% der Logiernächte), füllten diese das Loch nach dem Jahreswechsel.
Dazu komme der durch die Frankenstärke nochmals gesteigerte Zustrom von Schweizer Gästen. 2010 machten erstmals mehr als 1 Mio. Schweizer Ferien in Österreich (3,8 Mio. Nächtigungen), 2011 waren es nach elf Monaten schon 1,11 Mio. Gäste sowie 4,0 Mio. Nächtigungen. Über die Rolle des Frankens weiss Hotelier Schenner zu berichten, dass Schweizer Gäste schon bisher zum Skifahren gekommen seien; dank der Frankenstärke speisten sie jetzt aber viel öfter à la carte.
Dem Sommer fehlen Kanonen
Der Winter war immer der ertragreichere Teil des Tourismusgeschäftes, dank Schneesicherheit ist er jetzt auch der stabilere. 70% der Skigebiete können beschneit werden, was quasi eine Schneegarantie für die wichtigsten Abfahrten über den ganzen Winter gibt. Ein ähnliches Sicherheitselement fehle im Sommer, meint Schenner. Zwar habe dieser mit 60 Mio. Logiernächten zum Winter (62 Mio.) aufgeschlossen; die Erträge seien jedoch ungleich geringer. Das liege daran, dass sich im Winter das Angebot viel klarer strukturieren lasse (Hotel, Skigebiet, Liftpass). Er selbst erziele im «St. Anton» im Sommer einen Drittel der Winter-Preise; bei den Erträgen sei eine schwarze Null das höchste der Sommer-Gefühle.
Dies verdanke er der Eigeninitiative der Mitarbeiter, die Dinge zur Ergebnissteigerung täten, die er selbst niemals anzuschaffen wagen würde. Vielleicht aber ist dies auch der Dank dafür, dass Schenner sein Hotel als Ganzjahresbetrieb führt, seine Mitarbeiter nicht in der Arbeitslosigkeit «parkiert» (mit Zusage zur Wiedereinstellung), wie das viele zulasten des Staates tun. Die für ihn erfreuliche Kehrseite der Medaille sei, dass er keine Probleme mit Fachkräften habe, während es in der Branche an Kellnern und Köchen mangle. Die Aufforderung mancher Politiker, die Saison zu verlängern, ist für Schenner Beweis für fehlendes wirtschaftliches Verständnis. Was helfe es denn, offen zu haben, wenn auch Lifte, Hütten und Freizeitbetriebe geschlossen blieben und keine Busse führen?
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