Direkte Links und Access Keys:

9. Januar 2012, Neue Zürcher Zeitung

Zu sich selbst finden

Wirtschaft im Gespräch: Gräfin Bettina Bernadotte über den Zauber der Insel Mainau

Gräfin Bettina Bernadotte über den Zauber der Insel Mainau (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Gräfin Bettina Bernadotte über den Zauber der Insel Mainau (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

Mue. Konstanz

Etliche Personen kommen zwar viel in der Welt herum, doch irgendwann zieht es sie im Laufe ihres Lebens wieder an den Ort ihrer Kindheit zurück. Allerdings kehren nur wenige an solch schöne Flecken wie die im Bodensee unweit von Kreuzlingen gelegene Insel Mainau zurück. Selbst im Winter bei unwirtlichen Temperaturen und stürmischem Wetter geht von dem 45 ha grossen Eiland eine Ruhe aus, durch die man den hektischen Alltag für ein paar Stunden vergessen kann.

Be- statt Entschleunigung

Falls sich diese innere Ruhe bei den Besuchern der Insel einstellen sollte, dann sieht sich Gräfin Bettina Bernadotte, die als Geschäftsführerin der Insel Mainau GmbH die Geschicke des Eilands lenkt, bestätigt. «Entschleunigung» heisst ihre Zauberformel, mit der sie die Gäste auf die Insel locken will. Auch wenn unklar ist, wie viele Besucher dort tatsächlich Ruhe finden und dabei «entschleunigen», machen die jährlich rund 1,2 Mio. Gäste auf der Mainau die Insel doch zur grössten Touristenattraktion am Bodensee. Allerdings verschlägt es nur wenige der vielen Touristen aus Asien während ihrer Touren durch Europa auf die Insel Mainau, weil ihre Ferien eher unter dem Motto «Beschleunigung» statt «Entschleunigung» stehen. Doch immerhin haben schon – dank einer Agentur – ein paar chinesische Brautpaare den Zauber der Insel Mainau entdeckt.

Anzeige:

Auch die 1974 im schweizerischen Scherzingen geborene Gräfin Bettina kam viel in der Welt herum, bevor sie nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Berufsakademie Ravensburg wieder auf die Mainau zurückkehrte, wo sie bereits ihre Kindheit verbracht hatte. Der Weg nach der Matura gestaltete sich zunächst etwas steinig. Ihr Kunstgeschichtsstudium in Madrid brach sie ab, und auch während ihrer Praktika am Nationalmuseum in Stockholm sowie als Restauratorin fand sie keine Antwort auf die Frage, was sie machen sollte. Drei Jahre brauchte sie, um das Studium mit Fachrichtung Tourismus im oberschwäbischen Ravensburg aufzunehmen; der Vorteil dieses Gebiets sei gewesen, dass es viel mit Personen zu tun gehabt habe und nicht rein theoretischer Natur wie die Kunstgeschichte gewesen sei, sagt sie.

Eine dreijährige «Besinnungszeit» nach der Matura können sich eigentlich nur wenige erlauben, auch weil es sich schlecht im Lebenslauf macht. Doch für Gräfin Bettina ist diese Auszeit kein Privileg ihrer Herkunft. Als Adlige mit entsprechenden Beziehungen sei es vielleicht einfacher, eine Stelle zu finden, doch dafür sei es umso schwieriger, sich im Job zu beweisen, denn man stehe stärker im Fokus einer oft kritischen Öffentlichkeit – in deren Mittelpunkt sie nicht gerne steht. Allerdings lässt es sich wegen ihrer Herkunft nicht vermeiden, dass nicht nur die Regenbogenpresse grosses Interesse an der Familie Bernadotte vom Bodensee hat.

Nach dem 1999 abgeschlossenen Studium sammelte Gräfin Bettina zunächst für etwas mehr als drei Jahre berufliche Erfahrungen jenseits der Mainau, um dann Anfang 2002 in das Familienunternehmen Mainau GmbH einzutreten. Im Jahr 2003 fiel die Entscheidung der Familie, dass Gräfin Bettina eines Tages in die Fussstapfen ihrer Mutter, Gräfin Sonja Bernadotte, treten sollte, um die Geschäfte auf der Insel weiterzuführen. Gräfin Bettina ist das älteste von fünf Kindern aus der Ehe von Gräfin Sonja und Graf Lennart Bernadotte, dem 2004 verstorbenen Gründungsvater der Nobelpreisträgertreffen in Lindau am Bodensee.

Generationenwechsel in Familienunternehmen gestalten sich oft schwierig, etwa weil die ältere Generation nur schwer loslassen kann. Der Nachwuchs hat dagegen den Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen, was in einer Eltern-Kind-Beziehung oft zu Reibungen führt. Deshalb begleitete ein Coach die beiden Gräfinnen beim Generationenwechsel. Dieses Coaching fällt den Beteiligten nicht immer leicht, denn man muss sich oft Kritik anhören, die es zu reflektieren gilt, um daraus zu lernen – wenn man dazu überhaupt bereit ist. Gräfin Bettina gibt deshalb auch unumwunden zu, dass dieser Prozess nicht immer sehr angenehm gewesen sei, doch sie profitiere noch heute von den Ratschlägen ihres damaligen Beraters. Seit 2007 ist sie nun die Geschäftsführerin des Familienunternehmens, das während der Blumensaison von März bis Oktober bis zu 300 Personen beschäftigt und dessen Umsatz sich aus drei Quellen speist.

Keine 80-Stunden-Woche

Neben den Einnahmen aus den Billettverkäufen tragen auch die Nachfrage der Touristen nach Souvenirs sowie der Gastronomiebetrieb zum jährlichen Umsatz in Höhe von rund 20 Mio. € bei. Für diese drei Bereiche, die in der Terminologie der Insel Mainau GmbH Profitcenter heissen, hat Gräfin Bettina Leiter gefunden, auf die sie sich verlassen kann und die ihr damit den nötigen Freiraum für ihre Familie geben. Sie habe sich nie entscheiden wollen zwischen Beruf und Familie, dementsprechend habe sie auch nie eine 80-Stunden-Woche angestrebt, sagt Gräfin Bettina. Vielmehr ist es ihr wichtig, sich neben dem Beruf um ihre drei Kinder kümmern zu können und ihnen die Natur näherzubringen. Vielleicht tritt dann eines Tages ein Kind in die Fussstapfen der Mutter.


Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.

1 Leserkommentar:
Kommentar lesen

Kommentare lesen

Hans Vögtlin (11. Januar 2012, 12:19)
Estne nomen omen?

Ich habe am Fernsehen den eindrücklichen
Film über die Insel Mainau gesehen. Es ist
vorbildlich und erfreulich, wie die junge
Generation sich um das Werk des Vaters
Lennart Bernadotte weiter bemüht. Was mir
nicht gefällt, ist, dass sie den Grafen-
titel weiterführen, auch wenn sie mit dem
schwedischen Königshaus und sogar mit den
zaristischen Romanows verwandt sind. Man
darf nämlich wissen, dass jener napoleo-
nische Marschall des Namens Bernadotte, den die Schweden als Karl XIV. Johann zum
König (auch Norwegens) gemacht haben, vor
der Franz. Rev. Sohn eines Hundehüters im
Schlosspark zu Versailles gewesen war. Von
Uradel keine Spur, also wäre der Grafen-
titel endlich löschenswert.
H. Vögtlin, Baden

Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.

Artikel weiterleiten

Zu sich selbst finden

Wirtschaft im Gespräch: Gräfin Bettina Bernadotte über den Zauber der Insel Mainau

Etliche Personen kommen zwar viel in der Welt herum, doch irgendwann zieht es sie im Laufe ihres Lebens wieder an den Ort ihrer Kindheit zurück. Allerdings kehren nur wenige...

Artikel versenden als E-Mail:

Sie müssen in Ihrem Browser Cookies aktivieren, um dieses Formular zu verwenden.

Sicherheitscode

Bitte übertragen Sie den Sicherheitscode in das folgende Feld:

* Pflichtfeld

NZZexecutive: Jobsuche

Stellen für Kader und Fachspezialisten

Hier die Angebote aus Print und Online abrufen.


Stichwort: 

NZZ-Korrespondentenwelt: Russland

Arbeiten in Russland - Löhne im Schatten

Arbeitskraft: Du warst es, der ...

Arbeitsrecht: Temporärarbeit

NZZ EXECUTIVE: Job Angebote von

Credit Suisse Jobs auf NZZexecutive.ch

Berufswelt: Drucktechnologe

Berufswelt der Technik - Drucktechnologen haben die Zeitung fest im Blick

Wortgut: Führen

Wortgut - Grosser Markt für Management-Weiterbildung

Forschung: Knowledge-Hiding

Aus der HRM-Forschung - Produktivitätsbremse Knowledge-Hiding