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13. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung

Vom Beobachter zum Macher

Wirtschaft im Gespräch: Eric Scheidegger – der neue Chefökonom des Bundes

Eric Scheidegger - der neue Chefökonom des Bundes (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Eric Scheidegger - der neue Chefökonom des Bundes (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

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Sogar Journalisten können es zu etwas bringen. Ein ermutigendes Fallbeispiel dafür liefert Eric Scheidegger (50), der seit bald zehn Jahren der Geschäftsleitung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) angehört und Anfang dieses Monats vom Bundesrat per sofort zum Chefökonomen des Bundes gewählt wurde. Vor seinem Eintritt in die Bundesdienste war Scheidegger vier Jahre lang als Wirtschaftsjournalist und als Auslandkorrespondent in Wien für die NZZ tätig. Zum Seitenwechsel 1998 veranlasste ihn eine Offerte des damals frischgebackenen Wirtschaftsministers Pascal Couchepin: «Couchepin suchte einen persönlichen Wirtschaftsberater, der nicht im Tagesgeschäft steckt und der die Zeit hat, mit dem Departementschef über Wirtschaftspolitik zu reflektieren und konzeptionelle Grundlagen zur Wirtschaftspolitik zu erarbeiten.» Die NZZ habe ihm überdies die Option gegeben, nach vier Jahren wieder in die Redaktion zurückzukehren. Die grosse Weichenstellung kam dann nach Ablauf dieser Vier-Jahres-Frist, wie Scheidegger schildert: Es habe ihn stark gereizt, in den Journalismus zurückzugehen, doch letztlich habe die Lust überwogen, nicht nur zu beobachten und zu kommentieren, sondern auch Verantwortung und Führungsaufgaben zu übernehmen. So kam er 2002 in die Geschäftsleitung des Seco als Verantwortlicher für die Standortförderung.

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Umstrittene Steuerfrage

Schon der Begriff «Standortförderung» mag für Ökonomen zuweilen suspekt klingen – vor allem wenn seine Bedeutung über allgemeine Rahmenbedingungen wie etwa einen flexiblen Arbeits markt, ein gutes Ausbildungssystem und ein günstiges Steuerklima hinausgeht. So kann «Standortförderung» auch Subventionen, Steuererleichterungen und ähnliche Markteingriffe enthalten, die für ordnungspolitisch sensible Gemüter oft nicht ganz unbedenklich sind.

Die Volkswirtschaft spiele sich in Räumen ab, deshalb könne auch eine raumökonomisch ausgerichtete Standortförderung über allgemeine Rahmenbedingungen hinaus sinnvoll sein, sagt Scheidegger dazu. Sein ordnungspolitisches Gewissen betont allerdings, dass möglichst wenig einzelbetriebliche und damit wettbewerbsverzerrende Fördermassnahmen anzustreben seien. Die seit 2008 geltende «Neue Regionalpolitik» ziele «nicht mehr auf einen diffusen regionalen Disparitätenabbau durch Direktförderung vieler unkoordinierter Einzelprojekte», sondern auf die Wettbewerbsfähigkeit der Regionen. Zudem wurde der Umfang der strukturschwachen Gebiete, in denen gemäss früherem «Bonny-Beschluss» für Neuinvestitionen Steuererleichterungen auch auf Bundesebene möglich sind, um rund zwei Drittel eingeschränkt. Der Bundesrat und das Seco wollten ursprünglich ganz auf einzelbetriebliche Steuererleichterungen verzichten, denn es gab erhebliche Zweifel, ob Steuerboni zu einem nachhaltigen Beschäftigungswachstum führen. In der Vernehmlassung und im Parlament hat sich diese Position aber nicht durchgesetzt.

Ökonomen reiben sich mit ihren Vorstellungen oft an den politischen Realitäten. Die Ökonomen finden aber laut Scheidegger in der Verwaltung und der Politik durchaus Beachtung. Schwieriger werde es allerdings, wenn es um vielschichtige Themen wie etwa die Energiezukunft gehe, in denen die Politik einen grossen Gestaltungswillen zeige und das Vertrauen der Ökonomen in die Preissignale und die Anpassungsfähigkeit der Märkte selten teile.

Lehren aus der Krise

Die Finanzkrise hat die Ökonomenzunft auf dem falschen Fuss erwischt. «Ich bin enttäuscht, dass man die Ökonomie nun zum Teil grundsätzlich infrage stellt», sagt Scheidegger. Die Zunft müsse aber sehr wohl Lehren ziehen. Eine seiner Lehren: «Die Finanzmärkte sind noch bedeutender, als ich geglaubt hatte, auch im negativen Sinn.» Der volkswirtschaftliche Kollateralschaden, den Finanzmärkte und die Pleite von Grossbanken verursachen könnten, sei stärker in den Fokus zu rücken. Die neue Schweizer Grossbankenregulierung bezeichnet Scheidegger denn auch als «extrem wichtig».

In seiner neuen Position ist Scheidegger nun auch oberster Konjunkturbeobachter des Bundes. Die weitere Entwicklung der Schweizer Konjunktur hänge stark vom Fortgang der Schuldenkrise im Euro-Raum ab. Solange es keine Bankenkrise in Europa gebe, bleibe es bei der Einschätzung, dass die Schweizer Wirtschaft im Winter 2011/12 eine sehr schwache Entwicklung durchlaufe und erst ab dem zweiten Halbjahr 2012 wieder etwas an Fahrt gewinne. Die staatliche Rolle in der Konjunkturpolitik bewertet Scheidegger sehr zurückhaltend. Er verweist in erster Linie auf die automatischen Stossdämpfer in der Krise – gemeint sind damit vor allem die gemäss Schuldenbremse erlaubten Bundesdefizite und die Zusatzausgaben der Arbeitslosenversicherung. Zusätzliche Konjunkturprogramme seien dagegen nur bei aussergewöhnlichen Einbrüchen sinnvoll.

Und was sieht Scheidegger nach bald 14 Jahren als Akteur und Macher in der Verwaltung anders als in seiner früheren Rolle als journalistischer Beobachter? – «Von aussen kann man gute Ratschläge geben, aber von innen muss man die Überzeugungen durch alle Ebenen des politischen Entscheidungsprozesses auch durchzusetzen versuchen.»


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1 Leserkommentar:
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Linus Huber (15. Februar 2012, 03:48)
Ein schlechte Wahl

"Ich bin enttäuscht, dass man die Ökonomie nun zum Teil grundsätzlich infrage stellt" Scheidegger. Ach ja? Warum wurde dieser Mann nicht mit jemandem ersetzt, welcher die Krise voraussah und die Mängel der Ökonomischen Lehre erkennt?
Es ist erstaunlich, wie viele Leute erklären, dass niemand diese Krise voraus, um von ihrer eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Wann werden solche Leute endlich ersetzt und wann wird gegen jene, welche die Krise verursachten (Banken, Zentralbanken) endlich Massnahmen eingeleitet? Anstelle dessen verfolgen wir die gleichen geldpolitischen Strategien einfach mit noch mehr Kraft.
Die Tendenz der Ökonomen, das Gesamtvolumen an Krediten als Problem unterzubewerten, ist offensichtlich. Die nötigen Abschreibungen auf Fehlinvestitionen werden dadurch bedeutend problematisch weswegen heute alles unternommen wird, diese Abschreibungen zu verhindern und/oder sie auf die Allgemeinheit abzuwälzen.

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