27. April 2009, Neue Zürcher Zeitung
«Kultur» als Teil der Ökonomie
Wirtschaft im Gespräch: Deepak Lal, Präsident der Mont Pèlerin Society (MPS)
G. S.
Seit letztem Sommer ist der Inder Deepak Lal für zwei Jahre Präsident der Mont Pèlerin Society (MPS), der von Denkern wie Wilhelm Röpke und Friedrich August von Hayek gegründeten «liberalen Internationalen». Es gab zweifellos schon einfachere Zeiten, um dieses prestigeträchtige Amt wahrzunehmen. Liberale Ideen haben nicht gerade Hochkonjunktur. Doch Deepak Lal ist in mancherlei Hinsicht für diese Zeitumstände eine geradezu ideale Besetzung. Er ist Historiker und Ökonom, weit entfernt von jener Modellgläubigkeit, die mit zu den Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise gehört, er ist sanft in der Form, aber konsequent in der Sache.
Der Brückenbauer
Zudem ist Deepak Lal bei aller liberalen Überzeugung und Verankerung daran interessiert, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Der Mann scheint zu starken Freundschaften fähig, ungeachtet der politischen Überzeugungen. So hat er an das MPS-Meeting von Anfang März in New York in ungewöhnlichem Ausmass persönliche Freunde als Referenten geladen, darunter diverse Keynesianer und anderweitig Staatsgläubige – offenbar sehr zum Missfallen der radikalliberalen Fraktion innerhalb der MPS.
Deepak Lal, 1940 in Lahore geboren, war, wie die meisten seiner Generation auf dem indischen Kontinent, in seiner Jugend überzeugt von den Möglichkeiten staatlicher Planung und Gestaltung. Endgültig vom Sozialismus geheilt habe ihn seine Tätigkeit in der indischen Planungskommission Anfang der siebziger Jahre. Er würde das daher jedem empfehlen, meint er lächelnd. Bei wem dieses Gegengift nicht wirke, der sei unbelehrbar. Tatsache ist, dass Lal selbst einen langen intellektuellen Weg zurückgelegt hat, bis er, wie er in einem autobiografischen Essay schreibt, heute dem liberalen Think Tank IEA (Institute of Economic Affairs) näher steht als der Fabian Society.
Etwas von dieser weltanschaulichen Spannbreite spürt man bei Deepak Lal noch heute. So ist er in seinen Büchern ein Brückenbauer zwischen Kulturen und Disziplinen, zwischen Geschichte, Religion, Wirtschaft und Politik, die etwa in seinen «Unintended consequences» alle zu einer einzigen, grossen Entwicklungstheorie verwoben werden. Aber er ist auch im wirklichen Leben ein grossartiger Netzwerker, der praktisch jeden bekannteren Ökonomen auf dieser Welt kennt. Seit er seine Professur an der University of California in Los Angeles übernommen hat, lebt er praktisch in drei Kontinenten, nämlich in London, in Kalifornien und im Grossraum Delhi. Als Amerikaner aber hat er sich trotz der langen Jahre in den USA nie gefühlt, und hätte er bei den letzten Wahlen in den USA wählen müssen beziehungsweise dürfen, hätte er leer eingelegt. Bush habe der liberalen Sache mit seiner Kopflosigkeit und seinem Ausbau des Staates gewiss nicht gedient, sagt er, und von Obama erwartet sich Deepak Lal keine freiheitliche Politik.
Demoralisierung der Gesellschaft
Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist für Lal so wie für alle Liberalen nicht in erster Linie eine Folge von Marktversagen, sondern hauptsächlich eine von Staatsversagen. Aber das heisst nicht, dass er ohne Selbstkritik wäre. Auch die Liberalen hätten die Zeichen der Zeit zu spät erkannt, sie hätten nicht ausreichend deutlich und unmissverständlich gewarnt, ihre Methodik sei zu einseitig mathematisch gewesen und sie hätten die Bedeutung der Werte nicht genügend klar betont.
Überhaupt: immer wieder sind in unserem Gespräch Werte ein Thema, als Ursache von Fehlentwicklungen, aber auch als Ziele, für die es sich lohnt zu kämpfen. Die Krise bringt gemäss Deepak Lal nicht nur eine Verdüsterung der Wirtschaftslage, sondern zu ihren Folgen gehören gemäss ihm auch ökonomische Langfristschäden wie Staatsverschuldung und Inflation. Vor allem aber ortet Lal eine eigentliche Demoralisierung der Gesellschaft. Die Globalisierung habe weltweit eine Modernisierung gebracht. Diese dürfe aber nicht mit Verwestlichung gleichgesetzt werden. Gerade die Krise mache deutlich, dass ein Bedarf an der Weiterentwicklung eigener Wertesysteme bestehe, zumal in Asien.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/deepak_lal_praesident_mont_pelerin_society_mps_1.2463399.html


















Controller / Business Planning Analyst
Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.