3. Januar 2012, Neue Zürcher Zeitung
Das Haus des Vaters
Wirtschaft im Gespräch: Kenneth Fraziers Mut zu Milliardenausgaben für Merck & Co.
Es geht professionell und ernst zu an der Investoren- und Analytikerkonferenz, zu welcher der Pharmakonzern Merck & Co. unlängst in die Zentrale vor den Toren New Yorks eingeladen hat. Die Führungskräfte, mehrheitlich hochrangige Wissenschafter, geleiten die Wall-Street-Gemeinde während Stunden konzentriert durch die Präsentationen mit ihren jüngsten Forschungserrungenschaften. Nur einer erlaubt sich an diesem Tag einen Hauch von Humor: Konzernchef Kenneth Frazier.
Einnehmende Art
Merck ist spätestens seit der 41 Mrd. $ teuren Übernahme von Schering-Plough 2009 ein Koloss. Mit einem Jahresumsatz von 45,9 Mrd. $, rund 90 000 Mitarbeitern und einem Börsenwert von 107 Mrd. $ ist er der zweitgrösste US-Pharmakonzern nach dem weltweiten Branchenführer Pfizer. Merck & Co. war 1891 als US-Tochter des deutschen Pharmaunternehmens Merck KGaA gegründet, während des Ersten Weltkrieges enteignet und später wieder privatisiert worden.
Wie die meisten Konzerne der Branche leidet auch Merck darunter, dass viele Blockbuster-Medikamente in den nächsten Jahren den Patentschutz verlieren werden; die imposanten Forschungsabteilungen haben aber trotz den milliardenschweren Budgets kaum mehr neue Grossprodukte hervorgebracht. Viele Pharmakonzerne fahren ihre Forschungsbudgets denn auch herunter. Doch Frazier will einen anderen Weg gehen und arbeitet fieberhaft an einer Steigerung der Effizienz. Das Unternehmen ist bekannt für seine Forschungsstärke und gehört weltweit zu den zehn Konzernen mit dem grössten Forschungs- und Entwicklungsbudget. In Mercks Tradition sieht Frazer, wie er sagt, die Zukunft des Konzerns.
Als ihn sein aus Altersgründen aus dem Amt scheidender Vorgänger an einer Telefonkonferenz im letzten Jahr als den künftigen Konzernchef präsentierte und ihn dabei in den höchsten Tönen lobte, brach Frazier das Eis: «Ya makin' me blush» – Du bringst mich zum Erröten – sagte er in bewusst nicht sehr geschliffenem Englisch und bewies damit sein Talent für Kommunikation, Humor und Selbstironie: Der Harvard-Absolvent ist ein Amerikaner afrikanischer Abstammung, dessen dunkle Haut gar nicht erröten kann. Mit diesem Debüt zeigte Frazier, worin seine Stärke liegt: Er kann andere für sich einnehmen, und das auf eine unaufdringliche Art und Weise. Der hochgewachsene schlanke Mann im tadellos sitzenden Anzug scheut sich aber auch nicht, seine Autorität auszuspielen, wie etwa bei einem Gespräch mit Journalisten, als er Fragen zu seiner Tätigkeit als Board-Mitglied der derzeit von einem Missbrauchsskandal erschütterten Pennsylvania State University souverän zurückweist. Diese Mischung aus Charisma und Autorität dürfte eine wichtige Waffe sein für Frazier, die auf kurzfristige Ergebnisse setzende Wall-Street-Gemeinde davon zu überzeugen, dass sich der Mut zu Milliardenausgaben für die Forschung auszahlen wird, und auch, wenn es darum geht, die Mitarbeiter hinter sich zu bringen.
Den Konzern kennt der Jurist, der es nach seinem Studium an der Pennsylvania State University und der Harvard Law School zum Partner in einer Kanzlei in Philadelphia gebracht hatte, in- und auswendig. In seiner fast 20-jährigen Karriere bei Merck hat er sich vor allem mit der Bewältigung des Vioxx-Skandals profiliert; statt eines umfassenden Vergleichs bei den wegen allfälliger Nebenwirkungen des Schmerzmittels angestrengten Klagen zog er es vor, die Prozesse einzeln durchzufechten. Die riskante Strategie ging auf; Merck sparte Milliarden. In den letzten Jahren war Frazier an der Strategiefindung und dem Schering-Plough-Deal beteiligt.
Machbarkeitsglaube
Aus Fraziers Vita liesse sich leicht die Geschichte eines unterprivilegierten Jugendlichen spinnen, der sich an die Spitze der Wirtschaftselite vorgearbeitet hat. Noch sein Grossvater war in eine Sklavenfamilie hineingeboren worden. Fraziers Vater brachte seine drei Kinder als Hauswart durch; die Mutter starb, als er zwölf war, die Familie lebte in einem heruntergekommenen Stadtteil Philadelphias. Doch der 56-Jährige hat eine andere Geschichte zu erzählen. Eigentlich sei er gar nicht im schäbigen Norden Philadelphias aufgewachsen, sondern im Haus seines Vaters. Und dort sei er von besonderen Werten umgeben gewesen. Mehrfach im Monat etwa schickte der Vater die Kinder auf einen weiten Fussmarsch in die öffentliche Bibliothek. Sein Vater habe genaue Vorstellungen davon gehabt, was man investieren müsse, um erfolgreich zu sein.
Er habe die Kinder zudem einer Gehirnwäsche unterzogen: «Wir waren festen Glaubens, dass wir alles werden konnten, was wir wollten», erklärte Frazier gegenüber dem «Harvard Law Bulletin». Dieser Glaube hat ihn nicht nur Konzernchef werden lassen – damit gehört er zu dem Eliteklub der Afroamerikaner, die dieses Amt unter Amerikas 500 grössten Konzernen innehaben (5) oder jemals überhaupt besetzt haben (11). Der Machbarkeitsglaube hat Frazier auch einen seiner grössten persönlichen Erfolge erringen lassen: In seiner Zeit als Rechtsanwalt hat er in einem Pro-bono-Mandat die Unschuld eines zum Tode verurteilten Mannes bewiesen.
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