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20. Februar 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Teebeutel – Portionen-Marketing anno dazumal

Errungenschaften der Technik

Gut verpackt: Im Beutel erzielt der Tee höhere Verkaufspreise. (Bild: Mathys Fischer)Zoom

Gut verpackt: Im Beutel erzielt der Tee höhere Verkaufspreise. (Bild: Mathys Fischer)

Tee liegt im Wellness-Trend. Der Aufguss von heissem Wasser löst Wirkstoffe aus Pflanzenteilen. Vor allem Grüntee wird darum allen möglichen Nahrungsmitteln vom Joghurt bis zum Lifestyle-Getränk beigemischt. Die aus den unfermentierten Blättern der Teepflanze gelösten Polyphenole sollen unter anderem das Krebsrisiko senken. Aber nicht nur das Getränk an und für sich ist trendy, auch die Erfindung seiner häufigsten Genussform vor gut hundert Jahren wirkt überraschend modern. Sie ist quasi eine historische Form des sogenannten «Crowd Sourcing», bei dem heute über das Internet die Anwender dazu gebracht werden, für Unternehmen ohne Entgelt Produkteentwicklung zu betreiben.

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Kunden als Erfinder

Erfunden haben den Teebeutel nämlich – zumindest gemäss den meisten Quellen – die Kunden des amerikanischen Teehändlers Thomas Sullivan. Sie tauchten seine zur Kosteneinsparung in kleine Seidensäckchen statt in den damals üblichen Blechdosen verpackten Produktproben gleich direkt ins heisse Wasser. Sullivan nahm die Idee auf und begann ab 1904 mit der Vermarktung von in Beuteln eingenähten Teeportionen. Andere Quellen sprechen die Erfindung dem Engländer John Hornimann zu. Er soll bereits 1826 Teeproben in Säckchen an seine Kunden verschickt haben. Mit dem gleichen Effekt.

Wie dem auch sei, in jedem Fall war Sullivan der Erste, der die Idee weltweit mit einigem Erfolg vermarktete. Postwendend mit dem Erfolg entstand aber auch der schlechte Ruf des Beuteltees. Betrüger panschten angeblich hochwertige Säckchen mit minderwertigen Ingredienzien. Hornimanns Nachfahren waren es, die in Form von verleimten Papiertüten erstmals ein Gegenmittel gegen dieses Treiben fanden. Trotz dem Nachteil, dass der Klebstoff im Tee merkliche Geschmacksspuren hinterliess, sollen ihnen die mit einer Qualitätsgarantie versehenen Beutel ein Vermögen eingebracht haben.

Schlechtes Material kaschiert

Dass dem Teebeutel auch heute noch ein zweifelhafter Ruf anhängt, liegt darin begründet, dass er meist mit zu Pulver verarbeiteten Pflanzenteilen gefüllt ist. Dies macht es deutlich einfacher, minderwertiges Rohmaterial zu kaschieren. Den ersten maschinell produzierten Teebeutel beansprucht das deutsche Unternehmen Teekanne für sich. Seine «Pompadour»-Maschine verpackte die Pflanzenteile ab 1929 in geschmacksneutrales Pergament. Den Beginn der modernen Teebeutelverpackungsindustrie markierte schliesslich 1949 die «Constanta» von Teekanne.

Mit dieser Maschine konnten erstmals die heute noch verbreiteten Doppelkammerbeutel maschinell abgefüllt werden. Sie faltete Papierstreifen zu einem Schlauch, bog sie in der Mitte, füllte von beiden Seiten das Teepulver ein und verschloss die Beutel danach mit einer Heftklammer. Mit insgesamt über 2000 weltweit verkauften Maschinen hat die «Constanta» dem Teebeutel den Massenmarkt erschlossen.

Heute werden die Teebeutel wärmeversiegelt. Dieses Verfahren wurde bereits 1930 von der amerikanischen Technical Papers Corporation entwickelt. Dabei wird das aus gebleichten Fasern eines asiatischen Bananengewächses, dem sogenannten Manilahanf, bestehende Papier an den Nähten mit Thermoplastic beschichtet. Die aufeinanderliegenden Plastic-Schichten lassen sich bei rund 150 Grad verschmelzen, ohne den Tee im Inneren zu schädigen.

Verpackung macht den Preis

Bei Liebhabern bleibt der Teebeutel – allen technischen Fortschritten zum Trotz – verpönt. Für sie können die Blätter ihren vollen Geschmack nur entfalten, wenn sie frei im heissen Wasser schwimmen. Für die Teeproduzenten lohnt sich die Verpackung allemal, denn in praktischen Portionen können die Pflanzenbestandteile wesentlich teurer verkauft werden als in offener Form. Insofern ist der Teebeutel nicht nur ein Vorläufer des modernen Crowd Sourcing sondern auch ein Prototyp der in den letzten Jahren grassierenden Vermarktung aller möglichen Produkte in gebrauchsfertigen und höherpreisigen Einzelportionen. In dieser Beziehung droht der gute alte Beutel jetzt aber von Nespresso und Konsorten überholt zu werden. In einer zeitgeistigen Kapsel lässt sich der Grammpreis noch einmal vervielfachen.

 

 

Daniel Meierhans

 


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