29. Oktober 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Impfen – mit dem Immun-Gedächtnis gegen Parasiten
Errungenschaften der Technik
Daniel Meierhans
Das Impfen gehört zu den grossen Erfolgsgeschichten der Medizin. Durch die gezielte Aktivierung der körpereigenen Immunabwehr konnten in den letzten Jahrzehnten gefährliche Krankheitserreger massiv zurückgedrängt und in Einzelfällen sogar ganz ausgerottet werden. Den Pocken fielen beispielsweise noch bis ins 19. Jahrhundert rund zehn Prozent aller Kinder zum Opfer. Dank weltweiten Impfkampagnen ist diese Geisel der Menschheit heute Geschichte. 1977 wurden in Somalia die letzten Fälle registriert. Der Erfolg hat allerdings auch seine Kehrseite: In den letzten Jahren hat sich insbesondere hierzulande eine starke impfkritische Bewegung formiert, die sich mit der Schulmedizin eine religiös anmutende Auseinandersetzung liefert.
Das Impfen nutzt natürliche Mechanismen, mit denen sich der Körper vor Parasiten wie Viren, Bakterien, Protozoen, Pilzen oder Kleinsttieren schützt. Unser Immunsystem bildet nach einer Erstinfektion sogenannte Gedächtniszellen aus, um bei einem zweiten Kontakt mit dem gleichen Eindringling schneller und vor allem effizienter reagieren zu können. Impfungen nutzen genau diese Gedächtnisfunktion, indem ein kontrollierter Erstkontakt mit nicht vermehrungsfähigen Teilen oder abgeschwächten Varianten der Parasiten vorgenommen wird.
Entdeckung vor 2000 Jahren
Entdeckt wurde das Gedächtnis unserer Immunabwehr bereits vor über 2000 Jahren. Der Athener Historiker Thukydides beschreibt in seinem Werk zum Peloponnesischen Krieg, wie 430 vor Christus in der durch Sparta belagerten Stadt die sogenannte attische Seuche ausbrach. Dabei beobachtete er, dass bereits Erkrankte nicht mehr angesteckt wurden. Auch in Indien und China wusste man schon vor unserer Zeitrechnung, dass ein gezielter Kontakt mit Krankheitserregern spätere Infektionen verhindert. Chinesische Ärzte sollen bereits 200 vor Christus Krustenstücke von leicht an Pocken Erkrankten genutzt haben, um andere präventiv zu schützen. Nach Europa brachte diese Variolation genannte, einfache Form des Impfens die englische Schriftstellerin Mary Wortley Montagu. Nachdem sie 1718 in Istanbul die Wirksamkeit einer derartigen Pocken-Immunisierung miterlebt hatte, konnte sie den damaligen englischen König Georg I. vom Verfahren überzeugen. Die Variolation blieb allerdings umstritten, denn die Verwendung von menschlichen Erregern war trotz der gezielten Auswahl von abgeschwächten Varianten mit einem verhältnismässig grossen Krankheitsrisiko verbunden.
Kuhpocken
Dies änderte sich 1796, als der englische Arzt Edward Jenner wie andere Zeitgenossen auch der unter Bauern bekannten Tatsache auf den Grund ging, dass Melkerinnen keine menschlichen Pocken mehr bekommen, wenn sie zuvor an den relativ harmlosen Kuhpocken (Vaccinia) erkrankt waren. Um seine Vermutung zu überprüfen, impfte er den Sohn eines armen Landarbeiters und später auch seinen eigenen mit Kuhpocken und setzte sie danach der menschlichen Variante aus.
Industrielle Zellkulturen
Heute wird ein Grossteil der in Referenz zu Jenners ursprünglicher Impfstoffquelle auch Vakzine genannten Impfstoffe in Hühnereiern produziert. Die Vermehrung von Viren in befruchteten Eiern nimmt allerdings mehrere Wochen in Anspruch, was insbesondere für den Schutz der ganzen Bevölkerung gegen sich dauernd verändernde und in epidemischen Wellen auftretende Erreger wie die Grippeviren problematisch ist. Abhilfe sollen hier industrielle Zellkulturen schaffen, mit deren Hilfe wesentlich schneller und auch in grösseren Volumen produziert werden kann. 2007 erhielt Novartis eine erste Zulassung für einen so hergestellten Grippeimpfstoff. Als drittes Herstellungsverfahren kommen gentechnologische Methoden zum Einsatz, wenn bestimmte Protein-Komponenten des Parasiten für den Aufbau des Schutzes ausreichen.
Erfolgsmodell und Feindbild
Der grosse Erfolg der Impftechnik zeitigt in jüngster Zeit widersprüchliche Folgen. Auf der einen Seite versucht die Medizin, das Modell auf möglichst viele weitere Krankheiten sowie die Bekämpfung von Krebszellen umzumünzen. Auf der anderen Seite haben durch die massive Abnahme der impffähigen Krankheiten die vergleichsweise sehr seltenen Nebenwirkungen in der öffentlichen Wahrnehmung an Gewicht gewonnen. In Verbindung mit einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Schulmedizin hat dies zum Anwachsen einer fundamentalistischen Impfgegnerschaft geführt. So treten in den letzten Jahren in der Schweiz denn auch wieder häufiger örtlich begrenzte Epidemien insbesondere des Masernvirus auf. Deren Ursprung lässt sich in vielen Fällen in medizinkritische Privatschulen oder Religionsgemeinschaften zurückverfolgen.
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