13. Februar 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Über 100 Jahre ohne Abnützungserscheinungen
Errungenschaften der Technik
Daniel Meierhans
Ein kurzer Druck, und das Portemonnaie ist mit einem Klick zu. Fürs schnelle und zuverlässige Verschliessen sorgt auch im anbrechenden Nanotechnologie-Zeitalter meist ein guter alter Metalldruckknopf. Der über hundertjährige Verschluss behauptet sich in technischen Anwendungen genauso wie im Textilbereich. In Asien waren vergleichbare Techniken bereits vor unserer Zeitrechnung bekannt. Dies belegen druckknopfartige Befestigungen an den Streitwagen der berühmten Terrakotta-Armee im Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huangdi aus dem Jahr 210 vor Christus.
Elastischer Draht
Das erste Patent für einen Druckverschluss im heutigen Sinn reichte 1885 und damit über 2000 Jahre später der deutsche Tüftler Heribert Bauer beim Kaiserlichen Patentamt ein, um das «Öffnen und Schliessen der Herrenhosen mit Latz zu vereinfachen». Sein Federknopf-Verschluss war jedoch zu wenig ausgereift. Er klemmte oft oder öffnete sich ungewollt und rostete, wie es heisst.
Zum weltweiten Durchbruch brachte die Idee eines einhändig verschliessbaren und ebenso bequem wieder zu öffnenden, zweiteiligen Metallknopfs 1903 mit Hans Prym ein anderer Deutscher. Technisch verbesserte er Bauers Knopf durch eine elastische rostfreie Feder im oberen Teil, in die der Noppen des unteren Teils einrastet. Mit dem durch einen Seitenschlitz eingeführten s-förmigen Bronzedraht liess sich die Verschlusskraft dosieren.
Pryms Druckknopf war dem Original von Heribert Bauer nicht nur funktional überlegen. Der Spross einer bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden Gold- und Messing-Handwerker-Familie aus Nordrhein-Westfalen verfügte auch über das Produktionswissen und das notwendige Marketing-Talent, um den praktischen Knopf im grossen Stil unter die Leute zu bringen. Bereits sein Vater hatte aus seiner Lehrzeit in England Massenfertigungs-Methoden für Kurzwaren in den Familienbetrieb gebracht. Hans Prym führte seinerseits bei der Vermarktung für die damalige Zeit äusserst innovative Methoden ein: Preisausschreiben, kunstvoll gestaltete Druckknopfkarten, Sammelmarken, Rabattsysteme und Kinowerbung machten den «Prym Zukunft» schon bald auf der ganzen Welt bekannt.
Noch heute gehört das Familienunternehmen mit einer Tagesproduktion von rund 15 Millionen Stück zu den weltweit grössten Druckknopf-Herstellern.
Viele Spezialversionen
Prym und Bauer waren um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert allerdings nicht die Einzigen, die sich mit per Druck wiederverschliessbaren Metallknöpfen beschäftigten. Über hundert Patente sind aus dieser Zeit bekannt. Heute sind Druckknöpfe in allen erdenklichen Spezialversionen erhältlich. Extrem belastungsfähige für Segelausrüstungen, Polsterüberzüge oder das Militär, billige und maschinell applizierbare für Verbrauchstextilien wie Kleinkinderkleider oder modisch verzierte für Trendbewusste. Zu den ursprünglichen Metallknöpfen sind Kunststoffvarianten dazugekommen. Ein Draht ist dabei nicht mehr nötig. Stattdessen ist der ganze Metall- oder Kunststoffring, in den der Noppen gedrückt wird, elastisch konstruiert.
Vom ursprünglich vorgesehenen Hosenlatz wurde der Druckknopf zwar weitgehend verdrängt. Im Wettstreit mit anderen Verschlusstechniken verfügt er aber auch nach über 100 Jahren noch über gewichtige Vorteile: Gegenüber dem Reissverschluss sind Druckknöpfe sowohl in der Herstellung als auch in der Weiterverarbeitung wesentlich günstiger. Im Vergleich mit dem Klettverschluss sind sie Schmutz- und vor allem Fasern-resistenter. Zudem verschliessen sie punktgenau.
Altmodisch im Zeitgeist
In der Textilbranche profitiert der Druckknopf derzeit von seiner altmodischen Anmutung. Retro liegt als Reaktion auf den weltweiten Konsumeinheitsbrei im Trend. Eine der lange Zeit wichtigsten Verwendungen bringt die globalisierte Wirtschaft aber zusehend zum Verschwinden.
Weil angesichts der Billigimporte aus Asien immer weniger Kleider geflickt werden, nimmt der Absatz von Reparaturknöpfen für den Heimgebrauch immer mehr ab. Aber vielleicht ändert sich dies auch schon bald wieder, wenn die Löhne in den boomenden Schwellenländern und damit die Preise für Textilien wieder anziehen.
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