7. Februar 2009, NZZexecutive
Die Wirtschaftssprache Cobol geht in Pension
Errungenschaften der Technik
Die Computerindustrie ist schnelllebig. Unablässig werden neue Technologien entworfen, die häufig schnell wieder in der Vergessenheit versinken. Nur wenige Errungenschaften konnten sich seit den Anfängen der modernen Datenverarbeitung in den 1950er Jahren halten. Zu diesen gehört die Programmiersprache Cobol (Common Business Oriented Language). In den Kellern von Grossbanken, Industriekonzernen und öffentlichen Verwaltungen werden weltweit Tag für Tag Millionen von Zeilen Cobol-Programmcode abgearbeitet. Nun scheint aber die Zeit dieser ersten, speziell auf die Bedürfnisse von betriebswirtschaftlichen Anwendungen zugeschnittenen Computersprache abzulaufen. Der Grund dafür ist nicht etwa eine veraltete Architektur oder eine ungenügende Leistung, sondern die Tatsache, dass die Know-how-Träger ins Pensionsalter kommen.
Natürliche Sprache
Die Entstehung von Cobol ist eng mit einer der wenigen Frauen verbunden, die Informatikgeschichte geschrieben haben: Grace Brewster Murry Hopper hatte Anfang der 1950er Jahre nicht nur den ersten Compiler geschrieben – ein Programm, mit dem eine höhere Computersprache automatisch in die Befehlssätze des Prozessors übersetzt wird. «Grandma Cobol» hatte 1955 mit Flow-Matic auch die erste Programmiersprache entworfen, die Anweisungen verwendete, welche der natürlichen Sprache entstammten. Damit legte Hopper die Grundlage für die spätere Cobol-Entwicklung. Mit Cobol sollte eine Hardware-unabhängige, standardisierte Computersprache geschaffen werden, die auf den Umgang mit grossen Datenmengen ausgelegt war, wie sie in Verwaltungen oder bei Banktransaktionen anfallen. Hoppers Flow-Matic war an den Univac-Computer des amerikanischen Herstellers Remington Rand gekoppelt. Für wissenschaftliche Berechnungen hatte man bereits mit Fortran und Algol zwei spezialisierte Hochsprachen definiert.
Klar und geschwätzig
Unter der Federführung des amerikanischen Verteidigungsministeriums wurde Hoppers Flow-Matic 1959 durch Konzepte aus Comtran von IBM und Fact von Honeywell zur ersten Cobol-Spezifikation erweitert. Das ursprüngliche Kodierschema entsprach den damals verwendeten Lochkarten mit ihren 80 Spalten. Die Architektur zeichnete sich durch eine klare Trennung von Datenstrukturdefinitionen und Programmanweisungen aus. Gleichzeitig ist Cobol aber auch sehr geschwätzig. Seit den 1960er Jahren ist die Sprache in diversen Schritten weiterentwickelt und an moderne Programmierpraktiken angepasst worden. 1997 errechneten die Marktforscher von Gartner, dass 80 Prozent der Geschäftstransaktionen weltweit durch Cobol-Programme ausgeführt wurden. Über 200 Milliarden Code-Zeilen waren produktiv. Die Vorteile der Sprache liegen vor allem in der extrem hohen Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit, die sie zusammen mit sogenannten Mainframe-Grossrechnern erreicht.
Trotzdem hat Cobol nun den Zenit überschritten. An den Schweizer Hochschulen gehört die Sprache nicht mehr zur Grundausbildung. Die jungen Programmier-Cracks bevorzugen Java oder Microsofts C#. Laut einer Erhebung des IT-Beratungsunternehmens Bosshard & Partner, das eine Datenbank von Informatikspezialisten betreibt, gibt es kaum Cobol-Programmierer, die jünger als 40 Jahre alt sind. Etwa zwei Drittel sind über 50 Jahre alt. Mit ihnen wird auch Cobol in den Ruhestand gehen. In fast allen Schweizer Grossunternehmen laufen Programme zur langsamen Ablösung der ersten Programmiersprache.
Der erste und grösste Bug
Einen ersten Ablösungsschub hatte schon das Jahr-2000-Problem ausgelöst. Grace Hopper hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Konzepte bis zum Ende des Jahrtausends überleben würden. Sie beschränkte die Jahresangabe auf zwei Ziffern. In der Folge mussten alle Cobol-Programme angepasst werden, was einige Unternehmen nutzten, um sie auf moderne Plattformen zu migrieren. Ironischerweise hatte Hopper aber nicht nur den weltweiten Year-2000-Bug in die Programme gesetzt, sondern zuvor auch schon den Ausdruck «Bug» für einen Programmfehler eingeführt. Als 1947 eine Motte einen Computerabsturz verursachte, klebte sie diese in ihr Journal mit dem Vermerk: «First actual case of bug being found.»
Daniel Meierhans
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