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13. Juni 2009, NZZexecutive

Die Schreibmaschine – zehn Finger statt eine Hand

Errungenschaften der Technik

Der Kugelkopf: Eine Verbesserung des Schreibapparates. (Bild: MATTHIAS WÄCKERLIN)Zoom

Der Kugelkopf: Eine Verbesserung des Schreibapparates. (Bild: MATTHIAS WÄCKERLIN)

Als der Softwarekonzern Microsoft und der Halbleiterhersteller Intel 2002 den Tablet PC als persönliche Computerplattform der Zukunft lancierten, war die erste Begeisterung gross. In der Folge vermochte sich die per Stift über einen berührungsempfindlichen Bildschirm bediente Notebook-Variante allerdings nicht durchzusetzen. Sie blieb ein Nischenprodukt für mobil Arbeitende mit grossem Skizzierbedarf. Wieso sollte man nun wieder zum einhändigen Schreiben auf einer Tafel zurückkehren – auch wenn jetzt statt Schiefer ein Hightech-Touchscreen bekritzelt wird –, wenn man so viel Erfindergeist in die Entwicklung von Maschinen gesteckt hatte, die den Schreibprozess schneller machen?

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Schreibmöglichkeit für Blinde

Erwähnungen von Versuchen, den mechanischen Buchdruck individuell zu automatisieren, reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Interessanterweise wurden die ersten bekannten, funktionierenden Schreibapparate zu Beginn des 19. Jahrhunderts für Blinde entwickelt. Die Serienfertigungsreife erreichte eine erste Maschine 1865. Bei der sogenannten Schreibkugel des dänischen Pastors Malling Hansen waren 54 Tasten für Grossbuchstaben, Ziffern und Interpunktionszeichen wie auf einem Stecknadelkissen über einem halbzylindrischen Blatthalter angeordnet, der das Papier während des Tippens transportierte. Der berühmteste Nutzer der Schreibkugel war ab 1882 der immer stärker erblindende Autor Friedrich Nietzsche.

Das Zeitalter der Massenfertigung läutete 1874 die US-Waffenschmiede Remington ein. Ihr Sholes & Glidden Typewriter besass bereits die heute noch in den Vereinigten Staaten gebräuchliche QWERTY-Tastaturbelegung. Der ehemalige Drucker Christopher Sholes hatte die bis dahin übliche alphabetische Anordnung der Buchstaben nach ergonomischen und mechanischen Gesichtspunkten sortiert. Dabei ordnete er die häufigsten Buchstaben in einem Halbkreis an und vermied, dass vielfach hintereinander auftretende Buchstaben nebeneinander liegen. Im deutschen Sprachraum führten diese Grundsätze zur QWERTZ-Tastatur, bei der im Vergleich mit den USA das häufiger vorkommende Z mit dem Y ausgetauscht ist.

1893 legte schliesslich der nach Amerika ausgewanderte deutsche Mechaniker Franz Xaver Wagner mit dem Typenhebelgetriebe die mechanische Grundlage für die heutige Schreibmaschine. Dank der Umlenkung der Tippbewegung konnte man erstmals direkt sehen, was man geschrieben hatte. Bis zur Blütezeit in den 1980er Jahren kamen regelmässig Verbesserungen hinzu, wobei sich nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem der amerikanische Büromaschinenhersteller IBM mit einer ganzen Reihe von Patenten wie dem Kugelkopf oder der tastengesteuerten Korrektur hervortat.

Keine körperliche Arbeit mehr

Die wichtigste Erfindung dieser Zeit war die Elektrifizierung in den 1950er Jahren. Sie brachte den Schreibenden eine enorme Erleichterung. Zuvor waren das Tippen, die Rückführung des Wagens und vor allem das Umschalten auf Grossbuchstaben noch eine harte körperliche Betätigung. Die elektrischen Modelle senkten zudem den Geräuschpegel in den Büros massiv. Mit dem Aufkommen des PC in den 1980er Jahren begann der unaufhaltbare Abstieg. Heute produzieren nur noch wenige Hersteller wie die deutsche Triumph-Adler oder der japanische Brother-Konzern Schreibmaschinen.

Tastatur- oder Spracheingabe?

Eines hat der Computer von der Schreibmaschine geerbt: die Tastatur mit dem dazugehörigen Zehnfinger-Schreibsystem. Diese schon über 130 Jahre alte Eingabeform ist den Fortschritts-Evangelisten ein Dorn im Auge. Sie glauben, dass die Spracheingabe diesem Relikt aus mechanischen Zeiten ein Ende bereiten wird. Langfristig soll der Rechner unsere Gedanken direkt in geschriebenen Text umsetzen. Vieles spricht dafür, dass auch diese Zukunftsvision scheitern wird. Die wenigsten Menschen reden wie gedruckt – vom Denken ganz zu schweigen. Die biomechanische Eingabe-Zwischenstufe bei der Umsetzung von Gedanken in Text hat einen technologisch schwer zu überbietenden Vorteil: Sie taktet die Gedanken automatisch zu strukturierten Sätzen. Fürs Twittern, Bloggen und Foren-Kommentarschreiben ist die Spracheingabe sicher eine realistische Möglichkeit.

Daniel Meierhans

 


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