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10. Januar 2010, NZZexecutive

Die Kontaktlinse: Sehschwächen werden unsichtbar

Errungenschaften der Technik

Scharf sehen ohne Brillengestell: die Kontaktlinse. (Bild: PD)Zoom

Scharf sehen ohne Brillengestell: die Kontaktlinse. (Bild: PD)

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Verminderungen seiner Fähigkeiten mit Hilfe von Technologien aus der Welt schaffen kann. So wie wir schon lange auch ohne Fell bestens durch den Winter kommen, weil wir warme Kleider fertigen können, beschränken heute auch Sehschwächen unser Leben kaum mehr. Begüterte können ihre Fehlsichtigkeit schon seit dem Ende des 13. Jahrhunderts mit Brillen zumindest teilweise beheben. Mit der Verbreitung günstiger Kontaktlinsen fiel in den letzten Jahren auch der letzte, kosmetische Evolutions-Nachteil der Fehlsichtigkeit weg – das Brillengestell. Dazu passt, dass der Anteil der jungen Erwachsenen mit Sehschwächen hierzulande seit Jahren stetig zunimmt.

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Erste Korrektur in Zürich

Über der Idee, Sehschwächen direkt im Auge zu korrigieren, brüteten Forscher seit Leonardo da Vinci. Es sollte aber bis 1888 dauern, bis dem deutschen Augenarzt Adolf Fick im Rahmen seiner Arbeit als Privatdozent an der Universität Zürich die erste Sehkorrektur mit einer Linse gelang. Diese war aus schwerem, geschliffenem Glas und hatte einen Durchmesser von rund 20 Millimetern. Damit bedeckte sie nicht nur die Hornhaut über der Iris, sondern auch einen grossen Teil des restlichen, sichtbaren Auges. Wegen ihrer beträchtlichen Dimensionen konnte Ficks «Contactbrille» nur wenige Stunden am Stück getragen werden.

Ein entscheidender Durchbruch zur breiteren Anwendung gelang 1949 in den USA mit der Erfindung von leichten Kunststofflinsen aus Plexiglas, die nur noch die Hornhaut bedeckten. Durch effizientere Herstellungstechniken mittels Drehmaschinen wurden diese harten Linsen bis in die 1960er Jahre auch preislich immer attraktiver. Aus heutiger Sicht wiesen sie jedoch noch einige gewichtige Nachteile auf. So waren sie zum einen luftundurchlässig, was relativ häufig zu Komplikationen führte. Zum anderen zerbrachen die trotz allen Fabrikationsfortschritten immer noch recht teuren Sehhilfen auch bei vorsichtigem Umgang so häufig, dass in dieser Zeit ein spezieller Markt für Linsenersatz-Versicherungen entstand.

Patent in die USA verkauft

Als Vater der heute wegen des grösseren Tragkomforts und der einfacheren Handhabung am häufigsten benutzten, weichen Kontaktlinsen gilt der tschechische Chemiker Otto Wichterle. Er hatte in den 1950er Jahren an der Universität Prag mit der Erforschung von Hydrogelen begonnen. Diese bestehen aus einem unlöslichen Kunststoffgerüst, das wasserbindende Gruppen enthält, welche das Polymer in Lösung aufquellen lassen. 1961 gelang es ihm, auf Basis einer solchen Verbindung erstmals eine weiche Kontaktlinse herzustellen. Seine Erfindung wurde jedoch nicht im damaligen Ostblock in Produkte umgesetzt, sondern 1971 durch den amerikanischen Optik-Spezialisten Bausch & Lomb. Die Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften hatte die Kontaktlinsen-Patente ohne Otto Wichterles Wissen in den Westen verkauft.

In den vergangenen rund 40 Jahren wurden die Linsen-Materialien vor allem bezüglich ihrer Luftdurchlässigkeit laufend verbessert. So können seit der Einführung von Hydrogelen aus Silikon im Jahre 1999 die Sehhilfen bis zu mehreren Tagen ohne Unterbruch im Auge getragen werden.

Heute werden Kontaktlinsen in einer ganzen Fülle von Variationen angeboten. Bei Hornhautverkrümmungen kommen immer noch meistens harte, formstabile Versionen zum Einsatz, die sich genau an die individuelle Augenform anpassen lassen. Für normale Kurz- und Weitsichtigkeit werden weiche Linsen bevorzugt. Diese werden als Wegwerflinsen für den eintägigen Gebrauch, als Wochen- oder Monatslinsen verkauft. Je nach angegebener Gebrauchslänge unterscheiden sie sich im Preis um etwa einen Faktor zehn.

Viele Verpackungen, ein Inhalt

Wie Spektrometermessungen der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) im Auftrag der Fernsehsendung «Kassensturz» gezeigt haben, sind jedoch trotz der erheblichen Preisdifferenz die Tages-, Wochen- und Monatslinsen der meisten Hersteller praktisch identisch. Die Unterschiede sind demnach wie bei vielen Dingen, die heute in praktischen Kleinportionen angeboten werden, in erster Linie das Resultat eines Marketingkonzepts, das einen höheren Stückpreis ermöglicht.

 

Daniel Meierhans


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