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4. September 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Der Browser – die Tür zu Internet und Wolke

Errungenschaften der Technik

Start verschlafen, dann erfolgreich: Browser von Microsoft. Zoom

Start verschlafen, dann erfolgreich: Browser von Microsoft.

Daniel Meierhans

«Ich bin drin!», frohlockte Boris Becker im Jahr 2000 in einem Werbespot des Zugangsproviders AOL. Damit machte der nuschelnde Tennisspieler allen klar, dass das World Wide Web zum Kinderspiel geworden war. Das Internet hatte damals schon 30 Jahre auf dem Buckel. Den Durchbruch im Massenmarkt ermöglichte ab Mitte der 1990er Jahre der Browser, dessen Grundlagen am Genfer Kernforschungszentrum Cern mit entwickelt worden waren. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Netzinhalte Spezialisten vorbehalten gewesen.

Hin und zurück springen

Der Name Browser (englisch für «durchsuchen») bezieht sich auf die Vor- und Zurück-Navigations-Elemente, mit deren Hilfe sich ursprünglich einzelne Textdateien schneller durchstöbern liessen. Die Wurzeln der Browser-typischen Navigation durch die Verknüpfung von Textstellen und Grafiken mit inhaltsverwandten anderen Dokumenten reichen bis in die Anfangszeiten des Internets in den 1970er Jahren zurück, als noch ausschliesslich das US-Militär und die Wissenschaft das Datennetzwerk nutzten.

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Als Grossvater der verlinkten Navigation gilt Neil Larson. Ein von ihm für den PC-Vorläufer TSR-80 geschriebenes Programm erlaubte bereits 1977 ein kontextbasiertes Hüpfen zwischen Inhaltsebenen anhand von sogenannten Hyperlinks. Später wandte sich der US-Informatiker dem in seinen Augen wesentlich dringenderen Problem der Wissensverwaltung zu. Sein MaxThink nutzt Verlinkungen, um die Ideenfindung besser zu strukturieren. Zum Web im heutigen Sinn wurde das Internet durch die Arbeiten von Tim Berners-Lee am Cern. Der britische Informatiker schuf seinen WWW-Dienst (World Wide Web), um die Kommunikationsschwierigkeiten unter Wissenschaftern aus unterschiedlichen Ländern zu lösen. Die Hauptelemente des WWW sind die Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) zur strukturierten Beschreibung der Seiteninhalte, das URL-System (Uniform Ressource Locator), mit dem die Webseiten allgemeinverständlich adressiert werden können, das HTTP-Protokoll (Hypertext Transfer Protocol) zur Regelung der Kommunikation zwischen Server und darstellendem Programm sowie der World-Wide-Web-Browser zur Wiedergabe der Seiten auf dem Bildschirm und zur Navigation.

Krieg um das Tor zum Internet

Berners-Lees WWW weckte das Interesse anderer Hochschulentwickler, die eigene Browser mit zusätzlichen Funktionen programmierten. Als wichtigster unter ihnen sollte sich Mosaic vom nationalen Supercomputerzentrum der USA entpuppen. Er konnte nicht nur Texte, sondern auch Grafiken verlinken, und – das war entscheidend – das Programm lief ab 1993 nicht mehr nur auf Profi-Rechnern, sondern auch auf Windows- und Apple-PC. Der Leiter des Mosaic-Teams, Marc Andreessen, erkannte das kommerzielle Potenzial der Software und gründete 1994 Netscape. Deren Mosaic-Variante Navigator läutete den Internet-Boom ein.

Bis 1996 avancierte der Netscape Navigator mit einer Verbreitung von über 85 Prozent zum dominierenden Internetzugangs-Programm. Danach ging es allerdings ebenso schnell wieder bergab. Der Softwarekonzern Microsoft, der den Start des Internet-Booms verschlafen hatte, konnte durch die Bündelung seines ebenfalls auf Mosaic beruhenden Internet Explorer mit dem Windows-Betriebssystem schnell Marktanteile gewinnen. Bereits 2000 hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. Microsoft beherrschte nun über 80 Prozent der Netzzugänge. Im Nachgang zu diesem sogenannten Browser-Krieg wurde der Software-Riese nach dem US-Kartellgesetz verurteilt, allerdings ohne gravierende Konsequenzen.

Service aus der «Wolke»

Auch heute herrscht noch Browser-Krieg, wenn auch nicht mehr so offensichtlich wie vor zehn Jahren. Neben dem Internet Explorer kämpfen seit einigen Jahren auch der aus dem Navigator hervor gegangene Open-Source-Browser Firefox, Apples Safari und Googles Chrome um die Gunst der User. Hintergrund des heutigen Konkurrenzkampfs ist das aufkommende Cloud-Computing, bei dem die Programme nicht mehr auf dem Computer installiert, sondern nur noch per Browser als Service aus der Internet-«Wolke» genutzt werden. Das grosse Geschäft winkt dem, der Boris Becker künftig «Ich bin in der Wolke»-Freuden entlocken kann.


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