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25. Juli 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Beutelsuppe: Schnell, billig und auf der Höhe der Zeit

Errungenschaften der Technik

Heute ein Milliardengeschäft: die Beutelsuppe. (Bild: MATHYS FISCHER)Zoom

Heute ein Milliardengeschäft: die Beutelsuppe. (Bild: MATHYS FISCHER)

Daniel Meierhans

Wer in der Krise mehr verkauft, bietet etwas fürs Geld. Im Frühjahr 2009 – am bisherigen Tiefpunkt der derzeitigen Wirtschaftskrise – meldeten die deutschen Fertigsuppen-Hersteller zweistellige Wachstumsraten. So unbeliebt die Beutelsuppe bei Gourmets auch sein mag, sie steht seit ihrer Erfindung für preiswerte und nahrhafte Schnellkost. Ihre Entwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts markiert quasi den Beginn des Instant-Zeitalters. Massgeblichen Anteil daran hatte der Schweizer Julius Maggi. Heute gibt es praktisch jeden Nahrungsmittel-Trend im Suppenbeutel verpackt.

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Erbswurst im Krieg

Erstmals im grossen Stil eingesetzt wurde eine mit heissem Wasser anrührbare Pulvernahrung 1870 im Deutsch-Französischen Krieg. Preussen hatte das Rezept für die sogenannte Erbswurst 1867 dem Berliner Konservenfabrikanten Johann Heinrich Grüneberg abgekauft. Das ursprünglich in einen Darm abgefüllte Erbsenmehl erinnerte dank dem Zusatz von Fett, Speck und Zwiebeln geschmacklich an eine Fleischwurst. Der grosse Nährwert soll, verbunden mit der langen Haltbarkeit und der feldtauglichen Zubereitung, mitentscheidend für den deutschen Sieg gewesen sein. Die Preussen produzierten insgesamt über 4000 Tonnen Erbswurst für ihre Soldaten, nachdem zuvor ausgiebige Tests durchgeführt worden waren, um sicherzustellen, dass auch bei einem Dauerkonsum keine Mangelerscheinungen auftreten. Nach der preussischen Kriegslogistik nahm sich die in dieser Zeit entstehende Nahrungsmittelindustrie der mit heissem Wasser anrührbaren Trockennahrung an. Die deutsche Knorr schnappte sich 1889 das Erbswurst-Patent. Das heute zum Unilever-Konzern gehörende Unternehmen hatte bereits zuvor mit der Produktion von Suppenpulvern aus Hülsenfrüchten, Gemüsen und Gewürzen begonnen.

Sozialer Nutzen und Geschäft

In der Schweiz startete Julius Maggi 1884 in Kemptthal mit der Produktion von schnell zubereitbaren Leguminosenmehlen. Der Müllerei-Besitzer hatte sich durch einen Vortrag in der gemeinnützigen Gesellschaft inspirieren lassen. Die eiweissreichen Hülsenfrüchte sollten mithelfen, die desolate Ernährungssituation der kinderreichen Arbeiterfamilien zu verbessern. Diese hatten in den kurzen Mittagspausen keine Zeit und kein Geld, um ein vollwertiges, frisches Essen zu kochen.

Für Maggi, den Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Zürcher Bürgertochter, war dies die ideale Gelegenheit, um sein soziales Engagement mit seinem Geschäftssinn zu verknüpfen. Sein angestammtes Mehl-Massengeschäft war durch das Aufkommen industrieller Walzenmühlen immer unattraktiver geworden. Er experimentierte zwei Jahre, um die richtige Röstung der Hülsenfrüchte zu finden, damit der Brei schnell zubereitet werden konnte und leicht verdaulich war.

1886 brachte Maggi schliesslich die erste eigentliche Beutelsuppe auf den Markt, die zusätzlich zur Hülsenfruchtbasis getrocknetes Gemüse enthielt. Die legendäre Maggi-Würze ermöglichte es ab 1888, die Suppen nach eigenem Gusto rassiger zu würzen. 1907 folgte mit dem Bouillonwürfel eine weitere ikonenhafte Fertigsuppen-Entwicklung des Einwanderersohns. Ab 1947 beschleunigte schliesslich die Fusion von Maggi und Nestlé die weltweite Verbreitung der Marke und mit ihr auch der Beutelsuppen.

Mit und ohne Zusätze

Heute sind trockene Fertigsuppen weltweit ein Milliardengeschäft. In China schlürft der ganze Fernzug über Mittag mit heissem Wasser angerührte Nudelsuppen. Die lokalen Bedürfnisse sind dabei allerdings sehr unterschiedlich. Während Geschmacksverstärker wie Glutamat in Asien kaum auf Ablehnung stossen, werben bei uns immer mehr Hersteller mit biologischen Inhaltsstoffen ohne künstliche Haltbarkeitsverlängerer, Farbauffrischer oder Geschmacksverstärker.

Und auch beim Trend zum Functional Food – der Zugabe von gesundheitswirksamen Stoffen zu Nahrungsmitteln – mischt die Fertigsuppen-Industrie ganz vorne mit. Die Palette reicht von der blossen Beimischung von Vitaminen über Echinacea zur Stärkung der Immunabwehr bis zur Fertigsuppe gegen Haarausfall, die in Japan auf dem Markt ist. Julius Maggis Beutelsuppe ist auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Erfindung noch immer auf der Höhe der Zeit.


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