1. Oktober 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Vom Fingerspitzengefühl des Kriminaltechnikers
Berufswelt der Technik
Claudia Wirz
Der Kriminaltechniker lebt von Tag zu Tag, um nicht zu sagen von Tat zu Tat. Es ist noch finster draussen, als an diesem Morgen im September um sechs Uhr in der Früh der Dienst in einem Gebäude der Kantonspolizei Zürich an der Zeughausstrasse beginnt. Um diese Zeit, im Frühdienst, treffen in der Regel die meisten Aufträge für den kriminaltechnischen Einsatzdienstler ein. Denn wenn der Tag erwacht, offenbaren sich die kriminalistischen Spuren der vergangenen Nacht. Der Morgen bringt Einbrüche, Diebstähle, Vandalismus und andere Untaten ans Tageslicht. Und Spuren wollen schnell gesichert sein, ehe sie als stumme Tatzeugen verblassen.
Ausgerechnet an diesem Donnerstagmorgen ist es allerdings ausgesprochen ruhig. Für Peter Merki, Fachbereichsleiter beim kriminaltechnischen Einsatzdienst (KED), ist das ein atypischer Morgen. Er muss es wissen, denn nach vielen Jahren im Dienst der Kriminaltechnik steht seine Pensionierung nur wenige Tage bevor. Auch die Statistik spricht eine deutliche Sprache. In der Woche zuvor musste der KED insgesamt 71-mal ausrücken. Am häufigsten hatten es die Kriminaltechniker im Einsatzdienst mit Einbrüchen zu tun, nämlich 33-mal. Aber es gab auch 14 «AgT» – dies das polizeiliche Akronym für aussergewöhnliche Todesfälle – und 10 Körperverletzungen. Heute indes scheint die Limmatstadt in friedlicher Idylle aufzuwachen.
Doch zu früh gefreut. Um acht Uhr beendet die Nachricht von einer ganzen Serie gestohlener Auto-Kontrollschilder die Beschaulichkeit. Bei insgesamt neun Autos, die über Nacht in der blauen Zone an der Wasserwerkstrasse im Zürcher Kreis 5 parkiert gewesen waren, wurden vorn und hinten die Nummernschilder entwendet. Ob dahinter ein Muster zu vermuten ist, das auf eine Vorbereitungstat für weitere Delikte schliessen lässt, oder ob es sich um einen Vandalenakt handelt, ist für den Spurensicherer des KED vorderhand nicht relevant. Es gilt jetzt, die Spuren zu sichern.
Kriminaltechniker Roland Boss übernimmt den Fall. Mit einem Einsatzwagen, der über Material für alle Eventualitäten verfügt, begibt er sich an den Tatort, um die Spuren sicherzustellen. Der einsetzende Regen ist dabei freilich keine Hilfe, im Gegenteil. Bei einigen Fahrzeugen zeigen sich daktyloskopische Abdrücke rund um die Kontrollschilderrahmen. Ob die hinterlassenen Spuren auswertbar sind und zu der Täterschaft führen, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. In maximal drei Wochen wird man es wissen, wenn die Ergebnisse des gerichtsmedizinischen Labors vorliegen.
Bevor die Spuren entnommen werden, gilt es die Situation und die Lage der Fingerabdrücke fotografisch festzuhalten. Der Fotoapparat ist ein wichtiges Arbeitswerkzeug des Kriminaltechnikers, ganz gleich, um welche Sachverhalte es sich am Tatort handelt. Immer komplexere Kameras lassen später am Computer ganze Tatort-Schauplätze rekonstruieren.
Bei unserem vergleichsweise wenig spektakulären Fall ist die Zeit gekommen, die Spuren zu entnehmen. Mit sterilen Wattestäbchen, ebensolchen Handschuhen und destilliertem Wasser sichert der Kriminaltechniker die verdächtigen Abdrücke in der Hoffnung, dass sich darauf DNA-Spuren finden. «Den grössten Teil der Fälle lösen wir heute über DNA-Spuren», sagt Peter Merki. Schon kleinste Partikel reichen aus, um ein genetisches Profil erstellen zu können. DNA-Spuren können auch dann gefunden werden, wenn der Übeltäter Handschuhe getragen hat.
Im kriminaltechnischen Labor im Polizeigebäude werden derweil die vom Tatort mitgebrachten Gegenstände auf Fingerabdrücke untersucht. Hier befindet sich das Revier von Beat Keller, der seine Berufslaufbahn einmal mit einer kaufmännischen Ausbildung gestartet hat und heute am Forensischen Institut unter anderem mit Chemikalien wie Cyanacrylat und Indandion jenen mutmasslichen Tätern auf der Spur ist, die Fingerabdrücke hinterlassen haben.
Beat Keller ist der einzige Experte im Kanton Zürich, der für das Gericht Gutachten über Fingerabdrücke erstellen darf. Das tut er regelmässig auch im Auftrag anderer Kantone, etwa wenn die Identifizierung von Fingerabdrücken vom Verdächtigen bestritten wird. Sein kriminaltechnisches Gespür verwendet Keller aber nicht nur für Fingerabdrücke, sondern zum Beispiel auch für Schuhsohlen beziehungsweise für die Spuren, die sie am Tatort hinterlassen. Die Profile abgelaufener Sohlen sind höchst individuell und lassen sich vom Kriminalistiker lesen wie ein Fingerabdruck, sofern man die Schuhe des Verdächtigen zum Vergleich zur Verfügung hat. Welche Schlüsse die Gerichte schliesslich aus den Ergebnissen ziehen und welche Strafen sie daraus ableiten, sollte den Kriminaltechniker eigentlich nicht beschäftigen. «Gleichwohl», sagt Peter Merki mit einem Augenzwinkern, «manchmal sind überführte Täter schon wieder zu Hause, ehe wir Feierabend haben.»
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