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11. Juni 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Textilingenieure mit glänzenden Berufsaussichten

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Berufswelt der Technik

Funktionelle Stoffe: Auf chemische Veredelungsprozesse kommt es an. Zoom

Funktionelle Stoffe: Auf chemische Veredelungsprozesse kommt es an.

Robin Schwarzenbach

Die textilen Muster unterscheiden sich nicht nur in der Farbe, sie fühlen sich auch ganz anders an. Das eine Stück Stoff liegt wie ein Taschentuch auf der Hand. Das andere ist von einer viel festeren, fast sperrigen Konsistenz. Es ist offensichtlich, dass hier nicht die gleichen Materialien zum Einsatz gekommen sind. Das eine Gewebe besteht aus Polyamid- und Elasthan-Fasern und ist entsprechend elastisch. Beim anderen ist ein Garn verwendet worden, das sich zu 90 Prozent aus einer Metalllegierung zusammensetzt. Eines aber haben beide Muster gemeinsam: Den Stoffen liegt dieselbe technische Zeichnung zugrunde – Längs- und Querfäden sind nach demselben Schema miteinander verwoben worden.

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Auf Versuche angewiesen

«Simulationen von solchen textilen Systemen entstehen zwar am Computer», sagt Romaine Schönenberger, die bei der Schoeller Textilien in Sevelen im St. Galler Rheintal für Entwurf, Konzeption und Umsetzung von Geweben verantwortlich ist. «Die Eigenschaften eines bestimmten Textils», erläutert die diplomierte Textiltechnikerin, «lassen sich jedoch erst dann wirklich abschätzen, wenn wir ein Stoffmuster das erste Mal in Händen halten.» – Die Ausführungen der 34-Jährigen deuten darauf hin, wie wichtig Erfahrungswerte in dem Geschäft sind. Berechnungsmodelle, mit denen das Verhalten von Gewebe und Material vorab zu bestimmen wäre, gibt es keine. Auch ist nicht immer klar, ob die Webmaschinen in der Produktionshalle ein neues Fadensystem ohne weiteres verarbeiten können. Bei Schoeller messen die ersten Probestücke mitunter nicht mehr als 20 Zentimeter; bei manchen Textilien stehen gar Versuche von bis zu 100 Metern Länge an. In dieser frühen Phase stehen die Gewebeverantwortlichen denn auch in engem Kontakt mit den Webermeistern, die die Produktion in der Fabrik überwachen.

Schoeller hat sich auf funktionelle Stoffe spezialisiert. In Sevelen laufen etliche Halbfabrikate vom Band, die von den Kunden der Firma – von Stuhl- oder Kofferproduzenten oder einem Hersteller von Motorradanzügen etwa – für hochwertige Endprodukte verwendet werden. Doch das Unternehmen arbeitet auch mit Anbietern aus der Modebranche zusammen. Der Input für ein Gewebe aus Kupferdraht stammte von einem Label, dessen Winterjacken von vermögenden Käufern gerne getragen werden. Ebenso sind Textiltechniker gefordert, bei potenziellen Abnehmern von sich aus mit Ideen zu punkten.

Allein, auf dem Weltmarkt der funktionellen Textilien stellen Gewebekonstruktionen an sich kein Verkaufsargument mehr dar. «Unser Gestaltungsraum ist vorhanden, doch er ist begrenzt», sagt Schönenberger. Sie weiss: Ein Gewebe ist schnell kopiert. Entscheidend sind vielmehr die chemischen Veredelungsprozesse, die einem Stoff die gewünschten Eigenschaften verleihen. Diese Techniken gehören zum geistigen Eigentum einer Firma, und als solches lassen sich die Verfahren auch vermarkten.

Schoeller, ein Textilunternehmen mit einer fast 150-jährigen Geschichte, hat dieses Potenzial rechtzeitig erkannt und machte sich vor gut zehn Jahren daran, eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung aufzubauen. Innovationen sind vor allem von den dort beschäftigten Chemikern und Textiltechnikern gefragt. Eines der laufenden Projekte dreht sich um ein Kleidungsmaterial, das pflegende Substanzen aufnehmen und von selber wieder abgeben kann; beispielsweise zu therapeutischen Zwecken.

Modedesign ist beliebter

Dem Betrieb in Sevelen ist es gelungen, sich als bedeutender Nischenplayer zu positionieren. Der St. Galler Sitz der Firma vereinigt Entwicklung, Weberei, Färberei, Veredelung sowie diverse Testanlagen unter einem Dach. Das macht das Unternehmen zu einem attraktiven Arbeitgeber für Fachkräfte.

Textiltechnologen mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis sowie an der schweizerischen Textilfachschule in Wattwil diplomierte Textiltechniker HF haben auf dem Arbeitsmarkt jedoch weiterhin gute Karten. «Wir könnten doppelt so viele Textiltechniker ausbilden; die Nachfrage der Industrie wäre vorhanden», sagt Helmut Hälker, der Direktor der Textilfachschule. Doch es gebe nicht genügend Interessierte. Bei Fashion und Design indes verhalte es sich umgekehrt.


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