24. September 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Der Gitarrenbauer – stete Suche nach idealem Klang
Berufswelt der Technik
Guy A. Lang
Berufswelt der Technik
Die 13-saitige Gitarre nach einem Totalschaden zu reparieren, war die grösste Herausforderung für Ermanno Chiavi. Der Gitarrenbauer aus Zürich hatte sie auf Wunsch eines schwedischen Gitarristen einige Jahre zuvor entwickelt und gebaut: «Er wusste genau, was er wollte, seine 10-saitige reichte ihm nicht mehr.» Neben den normalen 6 Saiten besitzt sie 7 Basssaiten und 24 Bünde, so dass der Musiker insgesamt 5 Oktaven zur Verfügung hat. «Damit kann man praktisch alles spielen, auch für Gitarre gesetzte Klavierkompositionen», so Chiavi. Die technischen Anforderungen an den Bau des Instruments waren hoch und gingen an die Grenzen dessen, was man im Gitarrenbau kennt.
Jedes Instrument hat seinen unverwechselbaren Klang. Um ihn zu erreichen, stellt der Gitarrenbauer verschiedene Parameter auf: Lautstärke, wie lange ein Ton klingt, Klarheit, Ausgeglichenheit, Klangfarbe. Die Grundfrequenz der Gitarre wird durch Öffnung, Volumeninhalt und Flexibilität im Korpus bestimmt. Dabei spielt es keine Rolle, wo in der Decke, dem vorderen Teil des Gitarrenkörpers, sich das Schallloch befindet. Das Holz für die Decke wird aus zwei Hälften zusammengeleimt. Chiavi: «Meist benutze ich Fichtenholz. Wichtig ist, dass die Bäume aus den Alpen kommen, denn die Höhe ist für ein gutes Tonholz wesentlich.» Dabei geht es nicht um Aussehen, sondern um Härte und Elastizität. Je steifer die Decke, desto dünner kann sie ausgearbeitet werden. Je dünner sie ist, desto weniger frisst sie von der Energie, die von den Saiten produziert wird. «Physikalisch gesehen, werden nur zwischen zwei und drei Prozent der Energie in Klang umgesetzt, der Rest geht verloren», ist die verblüffende Analyse des Meisters. Sein Streben ist, möglichst viel Energie in Klang umzuwandeln. Also möglichst dünne Decken zu produzieren. «Beim Arbeiten höre ich am Geräusch der Werkzeuge, ob ich das Brett noch dünner machen kann oder ob es im nächsten Moment ausreisst.»
Für Boden und Zargen benötigt der Gitarrenbauer Palisander, der Hals ist aus Mahagoni, das Griffbrett aus Ebenholz, der Kopf aus Mahagoni und Palisander. Bei manchen Instrumenten verwendet Chiavi auch Ahorn für den Korpus. Er bezieht das Holz aus Indien, weil der Staat Abbau und Handel kontrolliert und die Aufforstung gewährleistet. Ist der «Rohbau» fertig, kommt er in einen mit Schaumstoff gefütterten Kasten mit einem Mikrofon, das an den PC angeschlossen ist. Mit einem Klavierhammer oder einer Kugel schlägt der Instrumentenbauer auf verschiedene Zonen und misst die Decken-, Luft- und Bodenfrequenz. «Die resultierenden Frequenzkurven sind quasi die DNA einer Gitarre, aus ihr kann ich erkennen, ob und wie die Gitarre funktioniert.» Jetzt entscheidet er, ob er nochmals Hobel und Stechbeitel in die Hand nehmen muss oder ob er zum Pinsel greifen kann. Die Lackierung hat enorm viel Einfluss auf den Klang.
Auf die Decke kommt immer Schellack aus einer eigenen Rezeptur, die der Gitarrenbauer aus einer traditionellen Mischung entwickelt hat, während er für den Korpus Kunstlack oder Schellack verwendet: «Das ist günstiger. Bei Schellack ist die Lackprozedur aufwendiger, sie dauert länger als bei Kunstlack. Zudem ist Schellack weniger resistent, besitzt jedoch idealere Klangverhältnisse.» Jetzt fehlen noch die Mechanik, mit welcher gestimmt wird, sowie die Saiten. Die Mechanik muss leicht und regelmässig laufen und die Stimmung halten.
Abgesehen vom Spieler sind die Saiten das wichtigste Element einer Gitarre. Bei Basssaiten besteht die Seele, also der Kern der Saite, aus vielen haarfeinen Nylonfäden, die mit Metall umwickelt sind. Dieses kann aus einer Gold-, Silber- oder sonstigen Metalllegierung sein. Nylon und Carbon sind für die hohen Saiten übliche Grundmaterialien, wichtig sind Festigkeit und Spannung. Denn bei einer normalen Gitarre mit 6 Saiten beträgt der Zug 40 bis 45 Kilo.
Mehr als doppelt so viel, nämlich 97 Kilo, weist die 13-saitige Gitarre auf. Besagte Gitarre erlitt einen Totalschaden. «Ich musste lange überlegen, was ich bei diesem Instrument noch retten konnte, um den alten Klang wieder zu erreichen», sagt Chiavi zu seiner schwierigsten Aufgabe. Er ersetzte den Boden, reparierte die Zargen und konnte die Spannung, die nach Jahren des Gebrauchs nachgelassen hatte, neu aufbauen. «Der Kunde war mehr als zufrieden. Er fand, dass aus einer Prinzessin eine Königin geworden sei.»
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