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25. Juni 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Bühnenbildner: Wenn Kulissen Geschichten erzählen

Berufswelt der Technik

Tell: Was auf der Bühne steht, war zuvor Miniaturmodell. (Bild: Jörg Zielinski)Zoom

Tell: Was auf der Bühne steht, war zuvor Miniaturmodell. (Bild: Jörg Zielinski)

Johanna Wedl

Steht in der Schweiz an einem Wegesrand eine Parkbank, steht daneben ein Abfallkübel. Dieses archetypische Bild des Landes hat zumindest Jörg Zielinski im Kopf. Der Leiter Ausstattung arbeitet seit über zehn Jahren am Opernhaus Zürich und zeichnete letzten Herbst verantwortlich für das Bühnenbild von «Guillaume Tell». Zwar gab es zu Zeiten des Rütlischwurs wohl weder Parkbänke noch Abfallkübel. Der alte Mythos sollte in der Aufführung von Regisseur Adrian Marthaler aber mit modernen Archetypen illustriert werden. Da eine Kulisse im Idealfall die Geschichte bereits erzähle, sei es zentral, zu verstehen, wie sich Ideen in Bilder fassen liessen, sagt Zielinski.

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Fehlerfrei arbeiten

«Ein Bühnenbildner arbeitet nicht im stillen Kämmerlein.» Der Austausch mit dem Regisseur sei sehr wichtig. Man müsse sich mit Begrifflichkeiten und Sinnen beschäftigen. Werde eine metallene Wand bespielt, hege ein Zuschauer eine konkrete Vorstellung davon, wie eine solche klinge. Es dürfe dann keine Holzwand mit einer Stoffauflage verwendet werden. Beim Kulissenbau gelte es abzuwägen, wann falsche Materialien die Aussage treffen und wann nur das echte Produkt brauchbar sei. Der Bühnenbildner dürfe nicht zu kompromissfähig sein, «schliesslich will man eine künstlerische Idee durchsetzen». Während einer Entwurfsphase gelte es, unmöglich zu denken – ja zu «spinnen». Die technischen, finanziellen und organisatorischen Zwänge kämen automatisch dazu und führten zu einer Reduktion der Ideen. Die eigentliche Arbeit beginnt für den Bühnenbildner damit, dass er ein Modell im Massstab 1:25 erstellt. Dieses ist aus Modellbau-Materialien hergestellt, wird mit dem Regisseur besprochen und dient als Arbeitsgrundlage für die technischen Werkstätten. «Jede einzelne Szene muss im Modell dargestellt werden können.» Auch die einzelnen Gegenstände des Stücks – wie etwa eine Parkbank am Wegesrand – werden in Miniatur nachgebildet. Dabei sei es zwingend, sehr genaue Arbeit zu leisten. «Fehler potenzieren sich sehr schnell», führt der 47-Jährige aus. Auf der Bühne könnten dadurch unerwünschte Wirkungen entstehen. Wer den Beruf ausübe, müsse zudem technisch zeichnen können und eine Idee rasch zu Papier bringen – auch wenn am Opernhaus von einem Entwurf bis zu einer Premiere sechs bis neun Monate vergehen. Eine weitere Bedingung sei, als Bühnenbildner ein Farb- und Formgefühl mitzubringen sowie über räumliches Vorstellungsvermögen zu verfügen. Handwerkliche Fähigkeiten seien dagegen nicht zwingend. «Man sollte aber schon mit Pinsel und Farbe umgehen können.»

Zum Beruf des Bühnenbildners führt im Übrigen kein Königsweg. Mittlerweile gebe es Ausbildungen auf Bachelor- und Masterstufe an Akademien und Kunsthochschulen. Viele Bühnenbildner kämen auch aus der Architektur. «Eine gut abgeschlossene Ausbildung allein ist aber kein Freibrief für die hohen Weihen des künstlerischen Olymps», macht Zielinski klar.

Das Opernhaus produziert seine Kulissen fast ausschliesslich mit externen Bühnenbildern. Bei 17 Produktionen pro Jahr und einer Premiere alle drei Wochen sei nicht alles selbständig machbar. Die Finissage heikler Oberflächen oder Skulpturen bleibt aus Qualitätsgründen jedoch in internen Händen. Die Institution lässt sich das etwas kosten: Rund fünf Prozent des Jahresbudgets fliessen in die Ausstattung. Für jedes Bühnenbild wird gemäss Zielinski eine tiefere sechsstellige Summe ausgegeben. Reich und berühmt werde in diesem Beruf dennoch kaum einer, viele verdienten sich einen Teil ihres Unterhalts nebenher mit Dozentenstellen. Befriedigend sei die Arbeit trotzdem. Die Ideen wüchsen und seien relativ rasch real greifbar. Und gegen das Theater-Virus gebe es sowieso kein wirksames Mittel. «Wer da einmal hineingerochen hat, den lässt es nicht mehr los. Überall anders wird man unglücklich.»

Szenenapplaus

In der Ouvertüre von «Guillaume Tell» blickten die Zuschauer auf eine malerische Berglandschaft – ein noch typischeres Bild für das Land als die Parkbank mit dem Abfallkübel. Das Publikum belohnte dies mit Szenenapplaus. Mit einem Augenzwinkern auf die Schweiz zu schauen und damit Erfolg zu haben, sei ein grosses Kompliment. «Da fühlt man sich gebauchpinselt», schliesst der gebürtige Deutsche.


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