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25. April 2009, NZZexecutive

Traumberuf: Gefühlsspionin

Arbeitskraft - Ruth Schweikert

Bin ich als sogenannt freie Schriftstellerin überhaupt befugt, über Arbeitswelten zu schreiben? Sitze ich doch meist nur in meinem durchaus bescheidenen, von der Stadt subventionierten Atelier und schaue auf den See hinaus. Weder muss ich alle Viertelstunde Rechenschaft ablegen über meine Tätigkeit noch meine Arbeitsstunden zählen oder gar einer Chefin die geleistete Arbeit präsentieren. Nur meine sechsköpfige Familie zur Hälfte ernähren muss ich, das ja.

Währenddessen kräuselt sich die Wasseroberfläche sanft im Wind; kleine Wellen formieren sich und verschwinden wieder, sekundenschnell, keinem Rhythmus verpflichtet, keinem Ziel, das sich mir zeigte, unvorhersehbar und unwiederholbar.

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Die Tätigkeit des Schreibens, auch des wissenschaftlichen, sei dem Leben selbst analog, meinte unlängst ein Professor, man wisse nie, wohin einen der Text führe, nur dürfe man dies nicht sagen, aber es stimme, und der Gestus des Schreibens sei eben darin dem Leben gleich.

Als Kind hätte ich angesichts der Fee, bei der man einen Wunsch frei hat, keine Sekunde gezögert: eine Tarnkappe, die unsichtbar macht. So hätte ich meine Eltern und Geschwister auch in privaten Momenten beobachten und belauschen können; später hätte ich eine mehrjährige Weltreise angetreten, als blinde Passagierin natürlich, hätte mir unsichtbar Zutritt verschafft zu Forschungslaboratorien, Politbüros und den Sitzungszimmern multinationaler Konzerne, um mich schliesslich für einige Wochen unerkannt und unbemerkt bei einem Schriftsteller einzuquartieren. Die Tarnkappe wäre also nur Mittel zum Zweck gewesen: Gedanken- und Gefühlsspionin war mein Traumberuf, und vielleicht ist die fortgesetzte Suchbewegung, die ich seit Jahren mit Texten vorantreibe, nichts anderes als die Umsetzung dieses Kinderwunsches, der natürlich mit Dantons Erkenntnissehnsucht unter einer Decke steckt, wie Büchner sie für ihn formuliert hat: «Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.»

Dass dies nicht helfen würde, wissen wir längst; Gedanken lagern nicht einfach in Hirnfasern, aus denen wir sie notfalls zerren könnten, und die modernen Selbstoptimierungstechniken von Präimplantationsdiagnostik über Functional Food bis zu Psychopharmaka machen uns Menschen je nachdem vielleicht leistungsfähiger, ausgeglichener oder weniger krankheitsanfällig; kontrollierbar, durchschaubar oder gar moralisch besser machen sie uns nicht.

«Wenn ein Schriftsteller stirbt, wird keine Stelle frei», hat Peter Bichsel einmal irgendwo gesagt oder geschrieben. Ob die (Schreib-)Kunst also Arbeit ist? Arbeit gar an der Gesellschaft? Oder anders gefragt: Resultiert aus dieser seltsam anstrengenden Tätigkeit des Schreibens im besten Fall so etwas wie eine Erkenntnis über die Welt und das Leben, und wie wäre sie beschaffen?

Eine Antwort müsste auch in dieser kleinen Kolumne zu finden sein und in denen, die folgen.

 


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