4. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Du warst es, der gesungen hat
Arbeitskraft - Katharina Faber
Katharina Faber
Er arbeitet nicht, er ist nicht im Büro. Er fährt auf seinem Rad durch die Stadt, und es ist Frühling, ein Frühling vor langer Zeit.
Meine letzte Kolumne «Arbeitskraft» geht an ihn, den Träumer und Vaganten, der tüchtig war, aber eine Woche lang nicht ins Büro ging, als man ihm mit einer Beförderung gedroht hatte, bis sie es kopfschüttelnd aufgaben und ihn in Ruhe liessen.
Ich sehe ihn jetzt vergnügt durch die sonnengesprenkelten Strassen der Vorstadt radeln, er hält sein rundes gutmütiges Gesicht ins Licht . . .
Er ist nicht mehr jung, aber kräftig, er war früher der beste Turner seines Kantons, und er ist immer noch ein ausgezeichneter Sänger, der einzige in der Familie, der am Tisch ein Lied anstimmt. Und er ist ein ausgezeichneter Spediteur. Aber ohne jeden Ehrgeiz.
Er fährt an der Fabrik vorbei, in der seine Mutter einst, als junge Witwe bis zu ihrem Tod, als Seidenwinderin gearbeitet hat, unter entsetzlichen Bedingungen, siebzig Stunden in der Woche, mit den drei sich selbst überlassenen Kindern von Zimmer zu Zimmer ziehend, bis am Ende alle eine Ausbildung hatten. Und er erinnert sich ein Leben lang an die Erleichterung seiner Mutter, als er ihr seine schöne Anna vorstellte, und wie sie da, lange vor ihm, auf einen Schlag begriffen hatte, dass diese junge Frau sein Leben behüten, dabei auch seine Geschwister bei sich aufnehmen und alle mit ihrem Nähatelier und seinem Lohn über Wasser halten würde.
Er tritt schneller in die Pedale, wenn er an die Begeisterung denkt, mit der seine Mutter daraufhin dem Tod entgegeneilte . . . Er ist nicht melancholisch, solange er Velo fahren kann. Er fährt durch den Nachmittag und geht nicht in sein Büro. Hat er gekündigt, hat er sich schon pensionieren lassen? Seine gross gewordenen Kinder sähen das nicht allzu gerne, sie lieben ihn, aber er bleibt ein Fremder für sie. Genauso wie sie für ihn.
Ist er so leicht ersetzbar? Nein, er ist jetzt schon ein Mythos, aber hinter vorgehaltener Hand. Er ist nicht sehr repräsentabel. Ihn bekümmert nichts von dem, was die Welt wichtig findet, am allerwenigsten sein Ruf. Wenn er sich allzu sehr entfernt von allen Konventionen und Saltos schlägt über festliche Tische hinweg, ruft ihn seine schöne Anna zur Ordnung, für sie hält er sich zurück, nur für sie.
Und im Büro? Sie werden vielleicht zwei Neue für ihn einsetzen müssen, weil er so schnell arbeitet, aber er ist ersetzbar, wie alle andern auch. Er hat das immer so gesehen, nie etwas anderes gehofft. Nur für seine Anna ist er nicht ersetzbar und sie nicht für ihn. Das genügt für ein Leben.
Er fährt durch den Nachmittag, er muss sich anstrengen, der Wind bremst seine Fahrt, seit er die letzten Häuser hinter sich gelassen hat, die Stadt und das Büro . . .
Er hat sich stets wortlos mit allen Zumutungen des Lebens abgefunden, sich aber möglichst dem «Regime» entzogen, wo immer er konnte, in der Weise, wie ein Zögling entweicht, instinktiv, sich und sein junges Leben schützend vor der Enge, in die man die Armen hineinreglementiert, bis es den Anschein hat, sie brauchten diese Enge.
Er ist ausgebrochen aus dem Räderwerk in die Musik, in den Gesang, zu den Turnern und ihren legendären Festivitäten, er ist auch noch als junger Mann von Zimmer zu Zimmer gezogen, von Stelle zu Stelle, von Mädchen zu Mädchen. Das minderte seinen Ruf, er galt als Vagant.
Er ist ein Vagant.
Er fährt weiter aus der Stadt hinaus, dorthin, wo das helle Grün der Wiesen direkt an den weiten blauen Himmel grenzt, in das Tal, in dem seine Vorfahren ihre Leben erkämpften, die tägliche Arbeit, die Feste, die Hoffnung, die Feldzüge, die Missernten, die sie in die Stadt trieben, in die Fabriken.
Er fährt jetzt auf seinem Rad die Strecke ab, die er als Kind zu Fuss gegangen ist, und freut sich, dass er dahinsaust, ohne dass seine Füsse den Boden berühren. Ein kindlicher Mensch, bis zuletzt. Nie der Herr im Haus, und von seiner Frau wird man gesagt haben, sie habe die Hosen an.
Aber beide hören ja nicht auf die andern. Sie leben ganz vertieft in die Suche nach dem Glück.
Finden es, indem sie ihrer Natur folgen und einander alles erlauben, er ohne Ehrgeiz, nur auf seine Anna bezogen und das, was sie braucht, und sie, glühend vor Erwerbslust, sonntags auf der Jagd nach einem Haus, aus dem niemand sie vertreiben würde. Er weiss, dass man aus allen Häusern vertrieben werden kann.
Immerzu fährt er auf seinem Rad hinaus und will dabei nirgendwohin, nur den Wind auf der Haut spüren und die Wärme der Sonne, die Arbeitskraft seiner alternden Beine, die sie ihm später amputieren werden.
Nie würde er versuchen, sich irgendjemandem nahezubringen, sich zu erklären, sich darzustellen – als Lebenskünstler, Taugenichts, Träumer . . .
Ich grüsse die Erscheinung.
Wir haben uns nie gesehen zu Lebzeit, aber wir kennen uns.
Immerhin sind wir sehr verwandt. Und irgendwann habe ich es begriffen:
Du warst es, der gesungen hat.
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