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11. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Löhne im Schatten

Arbeiten in Russland

Arbeiten in Russland - Löhne im Schatten (Bild: istock)Zoom

Arbeiten in Russland - Löhne im Schatten (Bild: istock)

Gerald Hosp, Moskau

Der russischen Regierung sind Bargeldzahlungen ein Dorn im Auge. Für Finanzminister Anton Siluanow ist der hohe Anteil von Bargeld an der gesamten Geldmenge ein Zeichen für eine ausufernde Schattenwirtschaft. Das russische Statistikamt Rosstat beziffert das Ausmass der Schwarzarbeit und des Schwarzmarktes mit rund 30 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Das staatliche Finanzinstitut Sberbank geht gar von einem Wert von 40 Prozent aus. Dadurch entgingen dem Fiskus jährlich gut 8 Prozent des BIP an Steuereinnahmen. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Umfang der Schattenwirtschaft schwer zu schätzen ist. Es werden unterschiedliche Methoden wie direkte Befragungen, die Beobachtung des Stromverbrauchs, Differenzen zwischen Einnahmen und Ausgaben und Schätzungen anhand theoretischer Kausalzusammenhänge benutzt.

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Wenig Kreditkarten

Der Vergleich des Bargeldumlaufs mit der wirtschaftlichen Aktivität ist ein weiterer Ansatz. Siluanow verwies darauf, dass in Russland Cash einen Anteil von 25 Prozent an der Geldmenge habe. In Industrieländern betrage dieser Wert üblicherweise bis zu 10 Prozent, in Entwicklungsländern 15 Prozent. Dem Finanzministerium schweben nun gesetzliche Einschränkungen der Verwendung von Bargeld vor. Der bargeldlose Zahlungsverkehr soll verstärkt werden. In Russland sind Kredit- und Bankkarten derzeit weniger als in entwickelten Ländern verbreitet, nicht zuletzt, weil die Bankenkommissionen für diese Dienste relativ hoch sind. Auch der Besitz eines Bankkontos ist noch nicht in allen Regionen Russlands eine Selbstverständlichkeit. Zudem wird oft noch auf Märkten oder in kleinen Geschäften eingekauft, bei denen es die Möglichkeit einer elektronischen Bezahlung selten gibt.

Abgesehen von den Zahlungsgewohnheiten fällt ein Teil des hohen Bargeldbedarfs wohl tatsächlich für Löhne in Couverts an, worunter die nichtoffiziellen Lohnzahlungen verstanden werden. Dieses Vorgehen hat sich im vergangenen Jahr wieder mehr ausgebreitet, nachdem die Sozialabgaben erhöht worden waren. Die Wirtschaftszeitung «Wedomosti» rechnet vor, dass derzeit 82 Rubel an den Staat gezahlt werden müssen, wenn der Arbeitnehmer einen Lohn von 100 Rubel erhalten soll. Mit den Schwarzzahlungen erhoffen sich die Unternehmen Kosten zu sparen, die Arbeitnehmer umgehen die (in Russland jedoch geringe) Einkommenssteuer. Diese war in den ersten Jahren Wladimir Putins als russischer Präsident gesenkt worden, um die Leute in die Legalität zu drängen. Die Staatseinnahmen erhöhten sich tatsächlich trotz Steuersenkung.

Schmiergeldzahlungen

Cash braucht es zudem für Schmiergeldzahlungen. Russland gilt als ein Land mit einem hohen Grad an Korruption, für Staatsleistungen muss oft mit einer Aufmerksamkeit nachgeholfen werden. Der grosse Anteil an Bargeld ist insofern auch ein Zeichen für das Misstrauen der Wirtschaftssubjekte gegenüber den russischen Behörden. Deswegen erheben sich Stimmen, die den Kampf gegen den hohen Bargeldumlauf als Symptombehandlung bezeichnen. Vielmehr könnten durch die effektive Bekämpfung der Korruption und durch ein effizienteres Steuersystem die Staatseinnahmen üppiger fliessen und die Schattenwirtschaft eingedämmt werden.

Der russische Staat will zudem mit weiteren Massnahmen gegen Schattenwirtschaft und Steuerflucht vorgehen. Darunter befindet sich beispielsweise die Initiative, dass im Ausland registrierte russische Unternehmen, vornehmlich in Niedrigsteuerländern, den wirtschaftlich Berechtigten offenlegen sollten. Es ist nicht unüblich, dass auch grosse russische Gesellschaften von Offshore-Vehikeln auf Zypern, in Luxemburg oder in der Karibik beherrscht werden. Es besteht jedoch auch der Verdacht, dass Behörden und Konkurrenten dadurch besser Zugriff bekommen. Die verschachtelten Konstruktionen wurden teilweise installiert, um sich vor privaten oder staatlichen Attacken zu schützen. Im letzten November hatte ein russisches Gericht die Entscheidung einer untergeordneten Instanz aufgehoben und Zinsen, die für den Kredit eines ausländischen Anteilseigners bezahlt werden, mit Dividenden gleichgesetzt, die versteuert werden müssen.

Neben einer Reform des Steuergesetzes und dem Kampf gegen Korruption könnte aber auch die Offenheit der russischen Wirtschaft zu einer Veränderung führen. Die in den USA arbeitenden Ökonomen Sergei Braginski und Sergei Mityakow zeigen in einer Studie, dass westliche Unternehmen mithelfen, die Kultur der Transparenz in Transformationsökonomien zu verpflanzen. Sie verglichen dabei, was Mitarbeiter in ausländischen und heimischen Unternehmen offiziell als Lohn angeben und wie hoch der Wert ihres Autos ist – in der Annahme, dass Personen mit ähnlich hohem Lohn sich auch Autos der ähnlichen Preisklasse leisten. Die Angestellten ausländischer Firmen wiesen dabei einen viermal höheren Lohn aus als jene russischer Unternehmen, bei gleichem Autowert. Je mehr die heimischen Betriebe Leute aus multinationalen Gesellschaften requirieren, desto transparenter wird das Gesamtunternehmen, mit Auswirkungen auf Steuerzahlungen, Schattenwirtschaft und Gesellschaft.


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4 Leserkommentare:
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André Dünner (11. Mai 2012, 16:05)
Kein Komentar mehr zu diesem Thema - Danke

"........"

André Dünner (11. Mai 2012, 16:01)
Will da keine grossen Worte machen ... III

Kommt mir vor wie in gewissen Ländern so um die 1930er herum. Da bewegte sich das Geld ebenfalls rasant. Doch in einer Spirale nach unten. Zahlungsfaktor 0.01, Zahlenbedingt unermessliche Werte. Und einen Haufen auf der Strasse.
Kommt Ihnen das etwa bekannt vor?
Mir schon. Interessanter Bericht.

André Dünner (11. Mai 2012, 15:56)
Will da keine grossen Worte machen ... II

Der Zulieferer wird auch in Hardware bezahlt. Und ein weiterer Schwachpunkt hat das System. Wer schützt den Konsumenten vor der Willkür des Staates? Der des Unternehmens? Da muss aber noch viel Aufbauarbeit gemacht werden. Und an der Kasse ist das Plastikgeld langsam! Jeder Casher ist zugleich Kreditspezialist weil der Kunde es nicht ist. Jedesmal ein eigener Vertrag der gekauften Güter wie beim Grossisten.
Und dann kommt dazu, die Daten sind international nicht zugriffsgeschützt und den Kreditinstitutionen zugänglich. Und wer hat das Monopol?
Sind dies nicht welche, die gerade eben fast den Staat in die ... geritten haben? Danke fürs Interesse.

André Dünner (11. Mai 2012, 15:55)
Will da gar keine grossen Worte machen ...

Wer will den noch Bargeld? Langweilige Administration, hohe Lohnkosten, viel Material zum herumschippen usw. usw..
Geklaut wird es auch noch. Und dieses Charaktermerkmal soll wenigstens den Finanzinstituten vorbehalten bleiben.
Nur einen Nachteil hat das Ganze. Den der Glaubwürdigkeit. Wenn ich cash bezahle, dann komme ich an der Kasse schneller durch. .../2>

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