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9. August 2009, NZZexecutive

Wiens schwierige Beziehung zum Osten

Arbeiten in Österreich

NZZexecutive - NZZ Korrespondentenwelt - Arbeiten in Österreich (Bild: istock)Zoom

NZZexecutive - NZZ Korrespondentenwelt - Arbeiten in Österreich (Bild: istock)

Schon Fürst Metternich stellte fest, der Balkan beginne in Wien, und zwar am Rennweg in Wien-Landstrasse. In der Tat wähnt man sich in Österreichs Kapitale oft auf südosteuropäischem Territorium, etwa beim Besuch des Naschmarktes, wo einem allerlei fremdländische Düfte die Nase hochsteigen, oder bei einem Spaziergang durch einen Aussenbezirk wie jenen von Ottakring, wo ein kunterbuntes Gemisch von orientalischen Billigläden, serbischen Diskotheken und türkischen Imbissständen dafür sorgt, dass einem der Westen Europas unendlich weit entfernt erscheint.

Wien ist ein multikulturelles Biotop. Seit je liegt die Stadt nicht nur geografisch sowohl im Westen als auch im Osten des alten Kontinents. Als der Eiserne Vorhang fiel, waren es die in Wien ansässigen Konzerne, die sich mit hohem Tempo daranmachten, das benachbarte «neue» Europa mit eigenen Filialen zu überziehen. Österreicher fühlen sich bei Reisen durch Osteuropa angesichts der vertrauten Firmenschilder rasch heimisch.

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Keine andere Volkswirtschaft hat denn auch stärker von der Osterweiterung der EU profitiert als Österreich; daran ändert selbst die jüngste Wirtschaftskrise wenig. Dennoch, eine Liebesbeziehung ist aus Österreichs Verhältnis zum Osten keine geworden. Das zeigt sich vor allem am Arbeitsmarkt. Angesichts der besonderen geografischen Lage und der anhaltend hohen Einkommensunterschiede zwischen Ost und West ist die Furcht gross, von Arbeitskräften aus dem postkommunistischen Raum geradezu überrollt zu werden. Entsprechend hoch sind die von der Regierung aufgebauten Abwehrmauern, und gross ist der Zulauf jener Parteien, die diese Furcht zum Programm erklären.

Als sich die Europäische Union 2004 gegenüber Mittelosteuropa öffnete, wurde den bestehenden Mitgliedstaaten die Möglichkeit eingeräumt, ihre Arbeitsmärkte über drei Phasen von insgesamt sieben Jahren gegenüber den neuen EU-Bürgern geschlossen zu halten. Neben Deutschland hat nur Österreich diese Möglichkeit vollumfänglich in Anspruch genommen. Das heisst: Österreich bleibt bis April 2011 ein geschlossener Raum für osteuropäische Arbeiter. Zwar kritisiert die EU diese Politik als sachlich ungerechtfertigt. In Wien sprachen die Regierungsvertreter unlängst gleichwohl von einem «schönen Tag für Österreich», als Brüssel widerwillig die dritte Phase für den Sonderschutz billigte.

Frei von Widersprüchen ist Wiens Beziehung zum Osten nicht. Und aufzugehen scheint die Abschottung des Arbeitsmarktes auch nicht recht. Denn mangels kostengünstiger Arbeiter haben viele Wiener Unternehmen in den vergangenen Jahren einfach damit begonnen, ihre Produktion in den Osten oder Südosten Europas zu verlagern. Metternichs Aussage, wonach der Balkan in Wien beginnt, ist daher längst um den Zusatz zu ergänzen, dass auf dem Balkan auch immer mehr Wien anzutreffen ist.

Thomas Fuster, Korrespondent der NZZ in Wien

 

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1 Leserkommentar:
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Manfred Müller (17. August 2009, 13:27)
Zulagen-System nicht verstanden.

Herr Fuster hat das System der Beamten-Zulagen - wie auch die heimische Presse, die ja kaum jemals irgendetwas versteht - nicht verstanden:
Ein Großteil der Zulagen wird nicht pensionswirksam - die Pension berechnet sich fast allein nach dem Grundgehalt.
In Wahrheit spart der Staat mit den Zulagen Geld, bei der heutigen Lebenserwafrtung sicher eine erkleckliche Summe.
Die Diskussion läuft vermutlich aus populistischem Kalkül auf diesem Niveau.
M.

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