10. Januar 2010, NZZexecutive
Ein Kleinhändler in Istanbul
Arbeiten in der Türkei
Im Winter ist es in Ahmets kleinem Laden furchtbar kalt. Fast bei jedem Wetter lässt Ahmet die Türe weit offen, dass ja kein Kunde vorbeigeht. Eine Heizung gibt es ohnehin nicht, nur einen winzigen Elektroofen, der aber nur im äussersten Notfall angeschaltet wird. Im Sommer ist es entsetzlich heiss, denn dann arbeiten die Kühlaggregate der mächtigen Getränkeschränke auf vollen Touren, und ihre Abwärme heizt die schwüle Luft noch weiter.Ahmet ist immer gut informiert. Wie es dem ehemaligen Fabrikanten geht, der seit Jahren etwas gebückt durch das Viertel geht, wer die alte Frau war, die von einem Bus überfahren wurde, warum es neulich im Friseurladen nebenan eine Explosion gab, bei Ahmet erfährt man es. Darüber hinaus kennt sich Ahmet aber auch in der Politik aus und verfolgt genau die Wirtschaftsnachrichten. Wäre sein Vater nicht früh gestorben und hätte Ahmet nicht das Gymnasium abbrechen müssen, sässe er nicht täglich vierzehn Stunden an sieben Tagen die Woche in einem kleinen Laden an einer belebten Strasse, um Getränke, Spirituosen, Zigaretten und allerlei zu verkaufen. Nur an Ramadan und zum Opferfest ist Ahmets Laden für zwei Tage geschlossen. Seine Arbeitszeiten sind bei den vielen Kleinhändlern hier eher normal.
Ahmet hat eine Theorie, nach der die Menschen durch dreissig Jahre Inflation korrumpiert wurden. Die Frage, ob sich daran etwas geändert habe, seit die Inflation gesunken ist, lässt er bis auf weiteres offen. Alleine von der Korruptheit kann er viel erzählen. Beispielsweise wurde Ahmets kleiner Laden ausgeraubt. Die Diebe parkierten ihren Wagen einfach davor und brachen den Laden auf, obwohl die Strasse belebt ist. Ein Taxifahrer, der am Taxistand gegenüber wartete, notierte die Nummer und gab sie Ahmet. Dieser ging zur Polizei, wurde da von Dienststelle zu Dienststelle geschickt und durfte schliesslich selbst den Namen des Besitzers und seine Adresse aus einer Datei heraussuchen. Weiter geschehen ist nichts.
Ahmet reisst die Augen auf und lässt sie langsam von links nach rechts gleiten, fixiert dabei ein vorbeifahrendes Auto. Dann sagt er: «Und dieser Wagen fährt jeden Tag hier vorbei.»
Ahmet weiss noch mehr Geschichten darüber zu erzählen, wie einem kleinen Händler das Leben sauer gemacht wird. Einmal hatte er es geschafft, Getränkelieferant für ein Hotel in der Istanbuler Fussgängerzone zu werden. Doch er hatte nicht die Beziehungen, die man braucht, um ausländischen Wein zu importieren. So blieb er der kleine Händler in seinem winzigen Laden, der auf die Strasse blickt.
Eines Tages ist Ahmets Sohn im Laden. Der Knabe trägt einen guten Mantel und spielt mit einem teuren Mobiltelefon. Die Ausbildung des Knaben kostet Ahmet ein Heidengeld, denn alleine auf den staatlichen Unterricht ist kaum Verlass. Doch an der Ausbildung seines Sohnes spart Ahmet keine Lira.
Jan Keetman, Korrespondent der NZZ in Istanbul
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Kommentare lesen
tugal erdal (15. Januar 2010, 13:26)
Schweiz
İn der Schweiz zu arbeiten ist ja auch nicht leicht man arbeitet in einem restaurante bekommt 1000 franken lohn muss abwaschen die küche saubern und der wirt erniedrigt dich jeden tag arbeitet ihr Türken und Tamilen........zum gulück sind die zeiten vorbaei als ich in der schweiz als flüchtling gelebt habe.Die Türkei wird in den nachsten 10 jahren wirtschaftlich einer der starksten lander....wenigstens har Ahmet sein eigener laden...übrigens wir erwarten die Schweizer..wir brauchen arbeitskrafte vielleicht gibts im Ahmets Kiosk eine stelle für die Schweizer....
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