27. November 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Weniger Stress – wenig Perspektiven
Arbeitswelt: Spitalfacharzt
Robin Schwarzenbach
Ein Wochenpensum von 42 Stunden, kein Nachtdienst, kein Pikettdienst, die alternierenden Einsätze am Wochenende beschränken sich auf Visiten von Patienten – von solchen Arbeitsbedingungen können Ärzte in öffentlichen Spitälern meist nur träumen. Das Arbeitsgesetz, das seit 2005 auch für Assistenzärzte und mittlerweile ebenso für Oberärzte gilt, schreibt zwar ein Maximalpensum von 50 Stunden pro Woche vor. Doch dieses wird häufig überschritten. Arbeitswochen von 60 Stunden und mehr sind keine Seltenheit, und auch die Regelung über die maximale Einsatzdauer von sieben Tagen hintereinander ist nicht sakrosankt. Der Ärztemangel, ein Zuwachs an Patienten und der Kostendruck sind an hiesigen Spitälern omnipräsent. Die Abhängigkeit der jungen Ärzte von ihren Arbeitgebern als einer unabdingbaren Weiterbildungsstätte verstärkt diesen Teufelskreis.
Aus der Luft gegriffen sind die eingangs angeführten Arbeitsbedingungen dennoch nicht. Zusammen mit dem nunmehr auslaufenden Zulassungsstopp für frei praktizierende Ärzte hat die gesetzlich verordnete Reduzierung der Arbeitslast in den Spitälern nämlich dazu beigetragen, dass vor rund zehn Jahren eine weitere Ärztekategorie geschaffen wurde: die Gruppe der Spitalfachärzte, und für diese haben sich solche oder ähnliche Anstellungsbedingungen mit geregelten Arbeitszeiten etabliert. Spitalfachärzte sind Mediziner, die nach der Weiterbildung zum Facharzt FMH weiter stationär tätig sein wollen, ohne aber in erster Linie eine klassische Spitalkarriere – Oberarzt, leitender Arzt, Chefarzt – anzustreben.
In der Idealvorstellung ist mit dieser Stufe allen Seiten gedient: Assistenzärzte werden durch die Spitalfachärzte von administrativen Aufgaben entlastet; sie können sich auf die Weiterentwicklung ihrer medizinischen Fertigkeiten konzentrieren, da sie mehr Zeit unter ihren direkten Vorgesetzten verbringen können. Chirurgen beispielsweise begeben sich zwar weiterhin auf Visite, doch für Fragen der Patienten steht mit dem Spitalfacharzt ein weiterer Ansprechpartner zur Verfügung, der – anders als seine operierenden Kollegen – eher greifbar ist auf der Station. Es geht um Kontinuität. Die Spitalbetriebe schliesslich profitieren vom Erfahrungsschatz der Spitalfachärzte. Diese verdienen zwar mehr, dafür erledigen sie ihre Aufgaben selbständig und effizient und kommen so immer noch günstiger als jene Assistenzärzte, die eben erst eingestiegen sind in den Beruf und entsprechend Unterstützung brauchen.
Ein neues Modell in Zürich
So weit, so vielversprechend die Theorie. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Eine Stelle als Spitalfacharzt hat sich als weit weniger attraktiv erwiesen als angenommen. Für das vergangene Jahr verzeichnet die Verbindung der Schweizer Ärzte (FMH) 146 Spitalfachärzte, was lediglich 1,1 Prozent der Mediziner entspricht, die in einem Spital arbeiten. Assistenzärzte gab es rund 6900, die Gruppe der Oberärzte zählte knapp 2900 Berufsleute. Die Verhältnisse sind eindeutig. Unter diesen Voraussetzungen kann das skizzierte Zusammenspiel von Assistenz-, Spitalfach- und Oberärzten nur in wenigen Spitälern Realität geworden sein.
Ein Grund für die geringe Resonanz des Spitalfacharztes liegt laut Raphael Stolz, dem Vizepräsidenten des Verbandes schweizerischer Assistenz- und Oberärzte (VSAO), in der unklaren Definition der Position an sich. Ein allgemein gültiges Stellenprofil gebe es nicht; die Bezeichnung bedeute praktisch in jedem Haus etwas anderes, sagt der Oberarzt des Kantonsspitals St. Gallen.
Wichtiger dürfte sein, dass die beruflichen Perspektiven von Spitalfachärzten begrenzt sind. Das hat zum Beispiel eine St. Galler Kollegin von Stolz erfahren. Der Chirurgin, die dem Arztberuf unterdessen den Rücken gekehrt hatte, gelang zwar der Wiedereinstieg als Spitalfachärztin in ihrem angestammten Bereich. Operativ ist sie nicht mehr tätig, dafür war sie auf den chirurgischen Stationen für bis zu 30 Patienten verantwortlich, dies bisweilen als einzige Ärztin in ihrer Position. Allein, im Laufe der Zeit wurde der heute 47-Jährigen bewusst, dass sie mit ihrem Wissen nicht ad inifinitum mit aufstrebenden, mitunter viel jüngeren Assistenzärzten zusammenarbeiten wollte, ohne selber voranzukommen. Sie zog die Konsequenzen und arbeitet heute als Oberärztin.
Für Raphael Stolz kommen solche Abgänge nicht von ungefähr. Der Vizepräsident des VSAO ist skeptisch, ob Arbeit und Status der Spitalfachärzte in allen Betrieben die gleiche Anerkennung erfahren. Die Tatsache, dass das Universitätsspital Zürich im letzten Jahr alle seine Spitalfachärzte zu Stationsoberärzten befördert hat, deutet in eine ähnliche Richtung. Von Nacht- und Wochenenddiensten sind diese Ärzte ebenfalls befreit. Titel und Bezahlung eines Oberarztes sind auf jeden Fall attraktiver als eine Anstellung, in der man Gefahr laufen könnte, von einigen Kollegen nicht ernst genommen zu werden.
Bedenken bezüglich der Zweckmässigkeit des Spitalfacharztes gibt es auch beim Verein der leitenden Spitalärzte der Schweiz (VLSS), der Vertretung der Chefärzte. Spitalfachärzte seien Spezialisten, die sich vor allem mit ihrem jeweiligen Fachgebiet beschäftigen wollen, sagt VLSS-Präsident Carlo Moll und ergänzt: «Diese Haltung ist dann problematisch, wenn die Weiterbildung der Assistenzärzte in eben diesen Bereichen zu kurz kommen sollte.» Moll bezweifelt auch, dass Spitalfachärzte von ihrer eigenen Präsenz auf den Stationen tatsächlich profitieren. «Weiter geht es nur durch Wechsel», betont der VLSS-Präsident.
Teilzeit und Jobsharing
Einige Betriebe indes haben gute Erfahrungen gemacht. Das Spital Leuggern im Kanton Aargau etwa, ein Betrieb, dessen behandelnde Ärzte eigene Praxen führen, beschäftigt seit Anfang Jahr einen leitenden Spitalfacharzt, der für die Weiterbildungsprogramme der Assistenzärzte zuständig ist. Dem früheren Hausarzt stand der Sinn nach einem ruhigeren Arbeitsrhythmus.
Spitalfacharztstellen sind auch für Teilzeitpensen und Jobsharings geeignet, dies vor allem ausserhalb der akutmedizinischen Gebiete. Das kann attraktiv sein für Ärztinnen und Ärzte, die sich eine bestimmte Phase lang nicht dem Beruf allein, sondern auch anderen Aufgaben widmen möchten – zum Beispiel den eigenen Kindern. Die Vereinbarkeit von Familie und ärztlicher Tätigkeit dürfte in den kommenden Jahren noch zu reden geben. Über 60 Prozent der hiesigen Humanmedizin-Absolventen sind Frauen (siehe Grafik). Und: Die Bewerbungen von deutschen Ärzten, einem wesentlichen Pfeiler des Schweizer Spitalwesens, sind in den letzten Monaten spürbar zurückgegangen. Die Arbeitsbedingungen in deutschen Spitälern haben sich verbessert.
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