31. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Mit Green Business Karriere machen
Arbeitswelt: Nachhaltigkeit
Beat Grossrieder
«Nachhaltigkeit» ist das Zauberwort der Stunde. Wer den Begriff bei Google eingibt, erhält 17 Millionen Treffer; wer es mit «sustainable development» versucht, erntet sogar über 52 Millionen Verweise. Auch in der Schweiz entwickelt sich «Nachhaltigkeit» zu einem Berufsfeld, das attraktive Jobs verspricht. Wichtige Initialzündung war die Verankerung der Nachhaltigkeit in der Bundesverfassung 1999; seither verlangt der Bund, dass Nachhaltigkeit in allen Politikbereichen berücksichtigt wird. Dies hat sich auf die Arbeitswelt ausgewirkt. Jedes grössere Unternehmen und viele KMU haben heute mindestens einen Delegierten, wenn nicht ein Team für Nachhaltigkeit, die einmal im Jahr (im Geschäftsbericht) oder regelmässig informieren.
Untrügliches Zeichen für die Vitalität dieses Trends sind auch die Kongresse zum Thema. Etwa die Natur-Messe Basel, die «führende Schweizer Plattform für nachhaltigen Konsum und zukunftsfähige Lebensstile», die 2012 zum siebten Mal an der Mustermesse (Muba) zu Gast sein wird. Oder die Lifefair Zürich, «die Messe für Nachhaltigkeit und Innovation», die bisher viermal über die Bühne gegangen ist.
Landauf, landab sind Aus- und Weiterbildungsgänge entstanden, die den Berufsleuten das nötige Rüstzeug liefern für die Arbeit mit der Nachhaltigkeitsthematik in ihren drei Teilbereichen – ökologische, ökonomische und soziale Verträglichkeit. Dabei bietet der interdisziplinäre Master «Sustainable Development» der Universität Basel die wohl am stärksten spezialisierte Ausbildung, es folgen Bachelor- und Master-Programme an ETH und Universitäten, die sich auch (aber nicht ausschliesslich) mit Nachhaltigkeit befassen, etwa bei den Erd- und Umweltwissenschaftern oder bei den Umweltingenieuren.
Die Universität Bern bietet die Studiengänge «Allgemeine Ökologie» und «Klimawissenschaften» sowie das Zertifikat «Nachhaltige Entwicklung» an. In Genf gibt es den Master in «Environmental Science», in Zürich das «Center for Corporate Responsibility and Sustainability». An der Hochschule Luzern kann man den Bachelor in Business-Engineering («Sustainable Energy Systems»), den interdisziplinären Schwerpunkt «Tourismus und nachhaltige Entwicklung» oder das CAS «Corporate Social Responsibility» absolvieren. An der Hochschule St. Gallen gibt es Weiterbildungen zu «Renewable Energy Systems» und «Sustainable Business», die ZHAW Winterthur propagiert ein Modul zu «Corporate Responsibility / Social Management». Die Aufzählung ist längst nicht abschliessend.
Doch finden all diese Absolventen auch eine Stelle? Eine Stichprobenumfrage der NZZ zeigt: Sowohl in der Privatwirtschaft als auch beim Staat sind Fachleute für Nachhaltigkeit gefragt. Zum Beispiel betonen die Detaillisten Migros und Coop, sie optimierten bereits seit Jahren die gesamte Wertschöpfungskette zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung. Das zeigten die Auszeichnungen, die man erlangt habe. Migros erhielt 2011 unter anderem den Energy Globe Award und den Schweizer Ethikpreis und wurde 2009 zum weltweit nachhaltigsten Detailhändler gewählt. Coop brillierte 2011 mit dem ersten Platz im Oekom Corporate Rating der Einzelhändler und mit dem Goldenen Zuckerhut, der «bedeutendsten Auszeichnung der Konsumgüterbranche», wie Coop-Sprecher Urs Meier sagt. Gefreut hat sich Meier auch über den Ethical Corporation Award 2011 für «Authentic Communications»: «Dies zeigt, dass wir glaubwürdig kommunizieren und kein Greenwashing betreiben.»
Laut Cornelia Diethelm, Leiterin der 2007 geschaffenen Stelle Issue-Management & Nachhaltigkeit bei Migros, muss Nachhaltigkeit im ganzen Unternehmen präsent sein. Denn: «Mit einer starren Struktur wird man der Vielfalt der Themen nicht gerecht; verantwortungsvolles Handeln ist bei uns Chefsache und in der Linie verankert.» Die Fachstelle ist Migros-Chef Herbert Bolliger unterstellt und zählt drei Mitarbeitende plus eine Praktikumskraft. Hinzu kämen dezentrale Nachhaltigkeitsverantwortliche sowie zahlreiche Beschäftigte, die situativ einbezogen würden, sagt Diethelm – «das reicht vom Fischeinkäufer bis zur Bau-Chefin».
Auch bei Coop gibt es eine Abteilung, die «als Beraterin der Linie in den verschiedenen Fragen der Nachhaltigkeit» funktioniere, erklärt Urs Meier. Daneben bestehe ein Team für die Nachhaltigkeits-Eigenmarken und -Gütesiegel sowie das Category-Management und den Einkauf. «In diesen drei Säulen der Nachhaltigkeit gibt es breit abgestützte Arbeitsgruppen», so Meier. Am Ende sei aber jeder, der bei Coop arbeite, ins Thema involviert: «Nachhaltigkeit ist auch in den persönlichen Zielen der Mitarbeitenden verankert.» Auf rund zwanzig Vollzeitstellen (25 Personen) veranschlagt Meier den Bereich Nachhaltigkeit; daneben setzten sich «Hunderte von Mitarbeitern in Produktion, Einkauf und Verkauf für nachhaltige Prozesse ein». Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit (Personalführung) beschäftigt Coop 15 Sozialarbeiterinnen und -arbeiter; gesamthaft zählt der Konzern über 70 000 Beschäftigte. Die Personalkosten, die bei Coop für Manpower im Gebiet Nachhaltigkeit anfallen, beziffert Meier auf «zirka 3 Millionen Franken pro Jahr».
Diese Fachleute gehörten aufgrund ihrer guten Ausbildung mehrheitlich zum Kader, die Entlöhnung sei «mit anderen Funktionen mit ähnlichen Anforderungen vergleichbar». Derzeit arbeiteten im Nachhaltigkeitsbereich mehrere Ingenieure (Agronomie, Forst, Maschinenbau) und diverse Fachkräfte (ein Ökonom, ein Spezialist für Entwicklungszusammenarbeit, eine Absolventin «Internationale Beziehungen», eine Psychologin, eine Absolventin «Nachhaltige Entwicklung»).
Auch bei staatlichen Stellen finden Nachhaltigkeits-Profis zunehmend gute Anstellungen. Ein Beispiel: Beim Bundesamt für Raumentwicklung ARE gibt es die Sektion «Nachhaltige Entwicklung». Diese umfasst 500 Stellenprozente (7 Personen) und funktioniert als «Koordinationsplattform des Bundes für alle Fragen zur nachhaltigen Entwicklung», sagt Sektionschef Daniel Wachter.
Die Stelle bringe Fragen zur Nachhaltigkeit in die Bundespolitik ein, begleite die einschlägige Strategie des Bundesrats und unterstütze Kantone und Gemeinden. «Wir verfolgen vor allem politische Ziele, weniger betriebswirtschaftliche Anliegen», sagt Wachter. Für solche Fragen sei eher das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) zuständig. Und siehe da: Auch dort dürften Spezialisten gefragt sein, heisst es doch auf der Website des Amtes: «Das BBL legt sowohl im Baubereich als auch im Beschaffungswesen grossen Wert auf Nachhaltigkeit.»
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