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11. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Falsches Berufsbild hält Frauen von der Informatik ab

Arbeitswelt: Informatik- und Kommunikationstechnologie

Arbeitswelt: Falsches Berufsbild hält Frauen von der Informatik ab (Bild: istock)Zoom

Arbeitswelt: Falsches Berufsbild hält Frauen von der Informatik ab (Bild: istock)

Caspar Heer

Die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) hat sich innert einer Generation rasant entwickelt. Heute gehen in der Schweiz rund 170 000 Personen einer Tätigkeit in der ICT nach, schätzt der Verband ICT Switzerland. Davon arbeitet allerdings nur rund ein Drittel in der Kernbranche. Informatik ist heute omnipräsent, sie prägt die Industrie, Dienstleister und den Handel – und so finden sich ICT-Stellen in sämtlichen Branchen.

Typisch für die Schweiz ist, dass nicht etwa ein Unternehmen aus der Kernbranche, sondern die Grossbanken UBS und CS mit jeweils mehreren tausend Informatikangestellten zahlenmässig die grössten ICT-Arbeitgeber sind. Aber auch wenn man ein Bahnbillett kauft, sich auf die Sicherheit einer Seilbahn verlässt oder beim Detailhändler einkauft: Dass unsere moderne Welt wie selbstverständlich funktioniert, dafür sorgen im Hintergrund Informatikfachleute. Darunter versteht man heute eine Palette von Funktionen: Applikationsentwickler, Software-Architekt, PC-Supporter, Webmaster – das Feld wird mit dem zunehmenden Einsatz der Informatik immer breiter, der Spezialisierungsgrad nimmt zu.

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Die Schweiz ist beim Informatikeinsatz nach den USA weltweit die Nummer 2 und hat die grösste Computerdichte aller europäischen Länder. Doch bei den Fachkräften hapert es. «Die Schweiz hat in der Informatik ein schwerwiegendes Nachwuchsproblem: Es fehlen gut ausgebildete Informatikerinnen und Informatiker auf allen Ausbildungsstufen», stellt der ICT-Fachverband fest. In fünf Jahren drohe eine Lücke von 32 000 ICT-Fachkräften, wenn sich nicht mehr junge Leute für eine Informatiklaufbahn entscheiden. Selbst wenn man eine wirtschaftliche Abkühlung einkalkuliere, blieben die ICT-Berufe zukunftsträchtig, sagt Jörg Aebischer, Geschäftsführer des Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz.

Potenzial wäre vor allem bei den Frauen vorhanden – und weil das Arbeiten in Teilzeit oder von zu Hause aus in vielen Fällen möglich ist, müssten IT-Berufe für Frauen eigentlich attraktiv sein. Doch die Informatik gilt hierzulande als ausgesprochene Männerdomäne. Jährlich beenden weniger als 100 Frauen ein Schweizer Universitäts- oder Fachhochschulstudium mit einem ICT-Studienabschluss (Doktorat, Diplom, MA oder BA). Das entspricht einem Frauenanteil von bescheidenen 8 Prozent. Auch der Anteil weiblicher ICT-Fachkräfte in den Unternehmen ist mit 11 Prozent nur wenig höher.

Trocken bis freakig

Woran liegt das? Ist die IT in den meisten Betrieben als «Boys-Klub» organisiert, der Frauen abschreckt? Tatsächlich ist es für Frauen immer dort, wo sie krass in der Minderzahl sind, besonders herausfordernd, in ihrer beruflichen Position von Männern akzeptiert zu werden und Karriere zu machen. Doch das galt auch für andere Berufssparten, etwa in der Medizin, in der Rechtswissenschaft oder in den Wirtschaftswissenschaften – und dennoch haben die Frauen in diesen Sparten markant aufgeholt, ja zum Teil die Männer überflügelt. – In Fachkreisen ist man sich heute einig, dass ein falsches Berufsbild viele Frauen von einer Informatiklaufbahn abhält. Die Vorstellung des bleichen Programmierers, der im abgeschirmten Raum nächtelang allein vor dem Bildschirm sitzt, umgeben von überquellenden Aschenbechern, verschimmelten Pizzaschachteln und leeren Cola-Dosen, schreckt ab. Informatikberufe werden als trocken, technisch und kommunikationsarm bis freakig gesehen. – «Mit der heutigen Realität hat dies allerdings wenig zu tun. Informatik ist heute sehr vielseitig und kreativ», sagt Sonja Hof vom Leitungsteam des Netzwerks Donna Informatica. Da Informatiklösungen meist in komplexe Umfelder implementiert werden müssen, sei Kommunikation ein zentraler Erfolgsfaktor.

An der Korrektur des Berufsbildes arbeitet heute eine ganze Reihe von Institutionen und Netzwerken. Die Fachhochschule Nordwestschweiz hat im vergangenen Jahr einen neuen Weg aufgezeigt, um Frauen für die IT-Ausbildung zu gewinnen. Ihr Bachelor-Studiengang «iCompetence» ist stark interdisziplinär und auf relevante Problemlösungen angelegt und spricht damit Frauen offenbar besser an als bisherige Informatikangebote: Der Frauenanteil des ersten Kurses lag bei hohen 50 Prozent.

Schnuppertage

Doch das Interesse an der Informatik muss früher geweckt werden, denn die beruflichen Weichenstellungen erfolgen oft lange vor dem Hochschulalter. Deshalb hat das Netzwerk Donna Informatica jüngst bei seinem 10-Jahres-Jubiläum das Thema diskutiert, wie man junge Frauen für ICT begeistern könnte. IT-Firmen und solche mit einem hohen IT-Anteil bieten Schnupperkurse für Schülerinnen der Sekundarstufe an. Beispielsweise «Grlbotics», ein Pilotprojekt von Google, der Internationalen Schule Winterthur und UBS, wo Schülerinnen kleine Roboter programmierten. Oder der Schnuppertag «Mädchen – Informatik – los!», der jährlich von verschiedenen Firmen im Rahmen des nationalen Zukunftstags durchgeführt wird.

Neue Denkweisen fördern

Solche Angebote sind beliebt, aber aufwendig, und sie werden bei weitem nicht flächendeckend angeboten. Dass es sie überhaupt braucht, weist auf Defizite des Schulunterrichts hin. Das Interesse an Informatik hat im vergangenen Jahrzehnt generell und speziell bei jungen Frauen abgenommen. Paul Kleiner, der Geschäftsführer der Hasler-Stiftung für die Informatikförderung, führt dies auf eine verfehlte Schulpolitik zurück. Bei der Revision der Maturitätsanerkennung 1995 wurde Informatik nicht als Kernfach anerkannt. Seither vermittelten die Schulen kurzfristiges Anwenderwissen statt Informatikgrundlagen und neue Denkweisen. «Informatik als Gestalten der Welt kommt in den Schulen nicht vor», sagt Kleiner; «kein Wunder, dass viele Frauen die Informatik als langweilig empfinden.»

Eine Korrektur des Informatikunterrichts an den Schulen und des Berufsimages insgesamt lässt sich nicht von heute auf morgen erreichen. Und so ist damit zu rechnen, dass der Arbeitsmarkt für ICT-Fachkräfte auf Jahre hinaus vielversprechend bleibt. Das zeigt auch eine Umfrage bei wichtigen ICT-Arbeitgebern. Bei der Swisscom spricht man zwar nicht von einem dramatischen Fachkräftemangel, aber doch von einem ausgedünnten Markt und fehlendem Nachschub aus der Schweiz. Deswegen habe die interne Ausbildung von Informatikfachkräften und insbesondere von Frauen hohe Priorität.

Drohende Lücke bei ICT-Berufen (Bild: NZZ Infografik)Zoom

Drohende Lücke bei ICT-Berufen (Bild: NZZ Infografik)


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2 Leserkommentare:
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Oliver Reinhard (20. Februar 2012, 07:37)
>50% der Zeit nicht vor dem Bildschirm

Schade, ist ein so falsches Bild von der Tätigkeit der Informatiker vorherrschend. Als Informatikingenieur verbringe ich mehr als 50% meiner Arbeitszeit in Gesprächen mit Kunden, Kollegen und Lieferanten. Speziell als Vermittler zwischen den (zukünftigen) Benutzern und den Entwicklern sind "Communication Skills" sehr gefragt. Da reicht es auch nicht mehr, einfach nur Bits und Bytes zu kennen — erst wer sich im Fach des Kunden richtig gut auskennt, kann überhaupt das richtige Systemverhalten spezifizieren. Dazu reicht aber ein Studium in Informatik allein nicht aus, was beweist, dass es eben nicht nur um Algorithmen und Datenmengen geht.

Otto Baumgartner (16. Februar 2012, 22:19)
Mädchen-Roboter

Frauen ziehen Berufe mit persönlichen Kontakten vor. Wie kann man Mädchen mit Robotern begeistern wollen? Computer kennen lernen ist wie schreiben oder rechnen lernen. Man braucht diese Fähigkeiten, um mit Kollegen, Kunden und Kundinnen ihre Arbeit zu besprechen. Man baut viele persönliche Kontakte auf und lernt die Arbeitsweisen anderer Büros, Branchen etc. kennen. Das ist ein sehr spannendes und vor allem für Frauen geeignetes Tätigkeitsfeld!

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